| Zusammenfassung:
Die Arbeit, die im Rahmen einer Dissertation an der Universität
Basel entstand,
behandelt die Glasgefässe, die zwischen dem letzten Jahrhundert
und dem Jahre
1980 in der römischen Koloniestadt Augusta Raurica und im Castrum
Rauracense,
in den heutigen Gemeinden Augst und Kaiseraugst, Schweiz, ausgegraben
wurden. |
| Quelle:
http://www.baselland.ch/docs/kultur/augustaraurica/publ/top |
Die Colonia Pia Apollinaris Augusta Emerita Raurica (Augusta
Raurica)
wurde
im zweiten Jahrzehnt v. Chr. 12 km östlich von Basel am Südufer
des Hochrheins
gegründet. Das Stadtgebiet gliedert sich in eine Oberstadt auf
einer Gelände-
terrasse und eine Unterstadt in der Rheinebene. Im 1. und 2. Jahrhundert
n. Chr.
erlebte die Kolonie eine Blütezeit. Der Niedergang der Stadt setzte
mit den
kriegerischen Ereignissen um und nach der Mitte des 3. Jahrhunderts
ein. Um
300 n. Chr. verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt in die Unterstadt,
wo am
Südufer des Rheins das Castrum Rauracense erbaut wurde. Das Kastell,
ein
wirtschaftliches und kulturelles Zentrum mit einer strategischen Schlüsselstellung,
verlor erst im Laufe des Frühmittelalters seine Bedeutung zugunsten
des
nahegelegenen Basel. |
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Von den 8364 in den Museumsinventaren registrierten Glasfunden aus
Augst
und Kaiseraugst konnten mit Hilfe der EDV 5112 Gläser erfasst
werden. Da
die Funde zur Hauptsache aus dem antiken Siedlungsgebiet stammen, sind
die Gefässe meist nur in Bruchstücken überliefert. Nicht
berücksichtigt wurden
bei der Aufnahme unverzierte Wandfragmente von Gefässen, deren
ursprüng-
liche Form nicht bestimmt werden konnte. Die grosse Material- und Daten-
menge liess eine allen Aspekten gerecht werdende Auswertung der Funde
innerhalb vertretbarer Zeit utopisch erscheinen. Es mussten Schwerpunkte
gesetzt werden. Da typologische Analysen römischer Gläser
bereits mehr-
fach vorliegen, wurde das Gewicht der Arbeit auf die Erörterung
fundplatz-
spezifischer Zusammenhänge gelegt. |
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Die Arbeit ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil behandelt die
Gefässformen,
ihre aus dem Fundkontext erschlossene Zeitstellung, die Farbgebung
und die
Herkunft. Im zweiten Teil werden die Fundüberlieferung in den
verschiedenen
Stadtquartieren und die Verwendung von Glasgeschirr im Siedlungsgebiet
analysiert. Der dritte Teil beschäftigt sich mit den Grabfunden
der Koloniestadt
und des spätrömischen Kastells. Der vierte Teil beinhaltet
einen ausführlichen
Katalog mit den nach formalen Kriterien geordneten Gläsern. |
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Die römischen Glasgefässe aus Augst und Kaiseraugst gehören
zu 180 Typen
(AR 1-AR 180; AR = Form in Augusta Raurica) und umfassen damit nahezu
das
ganze Spektrum der in den westlichen Provinzen vom 1. bis 4. Jahrhundert
n.
Chr. gängigen Gefässformen. Mit vier Fünfteln ist der
grösste Teil der Gläser
geblasen. Ein Fünftel entstand im Formschmelzverfahren. Bei der
Farbgebung
dominieren die blaugrünen bis grünen, sogenannten naturfarbenen
Gläser, die
etwa zwei Drittel des Fundbestandes ausmachen. Die einfarbigen gefärbten
Gläser sind mit einem Anteil von knapp einem Viertel vertreten.
Rund 15%
gehören zu den farblosen Gläsern. An letzter Stelle stehen
die Mosaikgläser
(Buntgläser, polychrome Gläser), die nur 5% des Gesamtbestandes
ausmachen. |
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Im ersten Teil der Arbeit, der sich im engeren Sinne mit dem Fundmaterial
befasst, werden im Kapitel über die Zeitstellung der Gläser
die funddatierten
Gläser aus Augusta Raurica und dem Castrum Rauracense vorgestellt.
Als
Basis dienen die Gläser, die anhand der keramischen Mitfunde zeitlich
ein-
gegrenzt werden können. Auf eine Analyse jedes einzelnen Typs
wurde
wegen des Materialumfangs verzichtet. Die datierbaren Formen werden
in
Balkengraphiken und in tabellarischer Form vorgelegt sowie in verschie-
denen, nach Zeitabschnitten zusammengefassten Kapiteln besprochen. |
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Das 1. Jahrhundert n. Chr. weist in Augusta Raurica mit beinahe 100
unter-
schiedlichen Typen das grösste Gefässspektrum auf. Die Leitform
dieser
Zeit ist die Rippenschale AR 2/I 3 (I = Form nach Isings 1957). Im
früheren
1. Jahrhundert gehört über die Hälfte aller Glasgefässe
zu diesem Gefässtyp,
am Ende des Jahrhunderts ein Drittel. Seit dem zweiten Viertel des
1. Jahr-
hunderts zählt neben den Rippenschalen der vierkantige Krug AR
156/I 50
zu den häufigsten Gläsern. Die übrigen Gefässformen
fallen im Vergleich
mengenmässig kaum ins Gewicht. Unter ihnen kommen für diese
Zeit
charakteristische Gefässformen vor wie die flachen Schälchen
AR l/T 2
(T = Form nach Goethert-Polaschek 1977), die zarten Rippenschalen
AR 28/I 17 und die halbkugeligen Becher AR 34/I 12. In der zweiten
Hälfte
des 1. Jahrhunderts, vor allem in flavischer Zeit, treten neue Gefässformen
hinzu, die sich durch reiche Schliff- und Reliefdekore auszeichnen.
Zu ihnen
gehören die Facettenbecher AR 45/I 21, die Zirkusbecher AR 31-AR
32
und die Knospenbecher AR 33/I 31. |
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Das 2. Jahrhundert ist in Augusta Raurica ärmer an Gefässformen
als das
1. Jahrhundert. Zu den Glastypen der ersten Jahrhunderthälfte
gehören die
schliffverzierten Kragenschalen AR 16.2/T 23, die steilwandigen bis
halb-
kugeligen Becher AR 38-AR 40 und die konischen Becher AR 44-AR 48.
Wie im 1. Jahrhundert zählt der Vierkantkrug AR 156/I 50 zu den
häufigsten
Glasfunden. Der Leittyp des späteren 2. Jahrhunderts ist der steilwandige
Becher AR 98/I 85, der in dieser Zeit ein Viertel aller Glasgefässe
ausmacht. |
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In der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts zeigen sich kaum Unterschiede
zum
fortgeschrittenen 2. Jahrhundert. Zu den häufigsten Gläsern
gehören noch
immer die steilwandigen Becher AR 98/I 85 und die Vierkantkrüge
AR 156/I 50. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts setzen sich im Fundbestand
allmählich die halbkugeligen Becher AR 60/I 96 durch, die einen
geomet-
rischen oder figürlichen Schliffdekor aufweisen. Im letzten Jahrhundertviertel
treten zahlreiche neue Formen auf, die das Gefässspektrum durchgreifend
verändern. Steilwandige Becher und Vierkantkrüge kommen kaum
mehr
vor; die zuvor mit aufwendigen Schliffdekoren verzierten halbkugeligen
Becher AR 60/I 96 sind nun meist unverziert. |
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Die Zeit der Spätantike ist in Augst und Kaiseraugst geprägt
durch zahlreiche
Varianten konischer Becher AR 4-AR 73, die neben den halbkugeligen
Bechern
und Schalen zu den charakteristischen Glasgefässformen gehören.
Verglichen
mit den früheren Zeitabschnitten nehmen beim Glasgeschirr jetzt
qualitätvolle
Kannen wie die Formen AR 172/I 120 und AR 173/I 123 einen wichtigen
Platz
ein. Der Vergleich mit den datierten Gläsern anderer Fundorte
zeigt nur gering-
fügige Abweichungen. Die in Augst und Kaiseraugst oftmals längeren
Datier-
ungsspannen einzelner Glasformen hängen in erster Linie mit der
Methode der
Fundkomplexdatierung, der Ausgrabungspraxis und der Siedlungsgenese
zusammen. |
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Die Untersuchungen zur Farbgebung der Augster und Kalseraugster Gläser
basieren auf einer detaillierten Bestimmung von Farben und Farbnuancen
der funddatierten Glasgefässe. Wie bei den Gefässtypen zeigt
auch bei der
Farbgebung der Gläser das 1. Jahrhundert n. Chr. das vielfältigste
Spektrum.
Neben den naturfarbenen Gefässen ist diese Zeit gekennzeichnet
durch ein-
farbige Gefässe aus gefärbtem blauem, grünem, braunem
bis bernsteinfar-
bigem und weinrotem Glas. Neben diesen Gläsern stammen die meisten
polychromen Gefässe (Mosaikgläser) aus dem 1. Jahrhundert.
Seit der Mitte
des 1. Jahrhunderts treten die farblosen Gläser in Erscheinung.
Sie werden
im Laufe des 2. Jahrhunderts immer beliebter und erreichen den Höhepunkt
ihrer Verbreitung im 3. Jahrhundert. |
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Bei den blaugrünen, naturfarbenen Gläsern, die im 1. Jahrhundert
meist intensive,
ins Blaue bis Türkis spielende Töne aufweisen, wechselt im
Laufe der Zeit die
Nuancierung immer mehr ins Dunkelgrüne. Die Zunahme der grünlichen
Gläser
steht möglicherweise in einem Zusammenhang mit der lokalen Produktion
von
einfachem Gebrauchsglas. Im späten 3. Jahrhundert findet ein Wechsel
in der
Farbgebung der Glasgefässe statt: Farblose Gläser sind jetzt
kaum mehr be-
legt; die naturfarbenen, zuvor blau- bis dunkelgrünen Gläser
sind nun hellgrünlich
bis olivgrün. Im 4. Jahrhundert kommen blaugrüne Gläser
praktisch nicht mehr vor.
Verantwortlich für den Bruch innerhalb einer kontinuierlichen
Entwicklung - der
auch im Formenspektrum zu beobachten ist - dürfte die in dieser
Zeit neu
organisierte Wirtschaft sein, die wahrscheinlich andere Produktionsstätten
bzw.
andere Rohstoffquellen zur Folge hatte. |
In einem Exkurs zu den Mosaikgläsern werden die polychromen Gläser
aus
Augusta Raurica ausführlicher behandelt. Die Detailuntersuchung
der Funde
ergab, dass sich die Gattung auf Grund der Muster, der Gefässformen,
der
Herstellungstechnik und der Zeitstellung in zwei grosse Gruppen trennen
lässt: eine frühe Gruppe von formgeschmolzenen polychromen
Gefässen,
die in vorflavische Zeit datiert werden können, und eine späte
Gruppe,
deren Vertreter sowohl im Formschmelzverfahren hergestellt als auch
geblasen wurden. Sie stammen aus flavischen Kontexten und reichen bis
ins 3. Jahrhundert. |
Die Muster der frühen Mosaikgläser setzen sich zusammen aus
Streifen
(Streifenmosaikgläser), Reticellafäden (Reticellafadengläser),
Spiralen,
einfachen Blumenrosetten und Sprenkeln (Millefiorigläser) oder
Gesteins-
äderungen imitierenden Mustern (marmorierte Gläser). An Gefässformen
begegnen sowohl glattwandige flache bis halbkugelige Schalen als auch
Rippenschalen. |
Die Muster der geformten Gefässe der späten Produktion bestehen
aus
Blumenrosetten (Millefiori), die sich in ihrem komplexen Aufbau deutlich
von den frühen Produkten unterscheiden. Neben diesen Blumenmotiven
begegnen auch einfache Kreisaugen und Sprenkeldekore sowie Pfauen-
augenmotive und Achatimitationen. In der Spätzeit der Produktion
wurden
neben Miniaturgefässen vorzugsweise glattwandige Schalen mit Trichter-
oder Kragenrändern hergestellt. Die geblasenen Mosaikgläser,
die erst-
mals gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. auftauchen, sind gesprenkelt
oder besitzen einen Überfang mit Blumenmuster («Millefiori-Überfang»).
Bei den geblasenen Gläsern finden sich in erster Linie steilwandige
Becher
und wohl auch geschlossene Formen. |
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Die Herkunftsfrage ist eines der grössten Probleme bei der Erforschung
des
antiken Glases. Ohne Detailanalysen zu den einzelnen Gefässformen
muss sich
die Lokalisierung der Produktionsstätten auf die aus der Literatur
bekannten
Hypothesen stützen. Da solche Untersuchungen den Rahmen dieser
Arbeit
gesprengt hätten, beschränkt sich das Kapitel zur Herkunft
der Augster und
Kaiseraugster Gläser auf kursorische Bemerkungen zum möglichen
Ursprungsgebiet der Glasgefässe. |
Obwohl in Augusta Raurica die lokalen Glashütten einen Teil der
Nachfrage
decken konnten, dürfte es sich beim grössten Teil der hier
verwendeten
Gläser um Importe handeln. Die Lokalisierung der Produktionsstätten
dieser
Gläser stützt sich zur Hauptsache auf Fundkonzentrationen
und Verbreitung
identischer oder vergleichbarer Glasgefässe. Bis etwa zur Mitte
des 1.
Jahrhunderts dürften die Gläser in der Mehrzahl aus italischen,
seltener aus
gallischen und östlichen Werkstätten gekommen sein. Die genauen
Standorte
dieser Glashütten sind allerdings nicht zu eruieren. In Italien
kommen Pro-
duktionsbetriebe in Kampanien, in der Gegend von Rom, in der Poebene
und am Adriabogen in Frage. In Gallien könnten Glaswerkstätten
im Rhonetal
und im Burgund mögliche Herkunftsgebiete unserer Gläser sein.
Im Nahen
Osten kommen Glashütten an der syrisch-palästinischen Küste
und in Ägypten
in Betracht. In der zweiten Hälfte des 1. und im früheren
2. Jahrhundert wurden
die Qualitätsgläser, unter ihnen die farblosen und polychromen
Gefässe,
weiterhin aus dem Süden und möglicherweise auch aus dem Osten
nach
Augst und Kaiseraugst geliefert. Neben den lokalen Produkten kamen
ein-
fachere Gebrauchsgläser wohl vermehrt aus gallischen und germanischen
Glashütten, deren Standorte jedoch nicht näher zu bezeichnen
sind. |
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Spätestens von der Mitte des 2. Jahrhunderts an wurden qualitätvolle
Gläser vor
allem von den Produktionsstätten im Rheinland und hier in erster
Linie aus Köln
bezogen. Gleichzeitig dürften einzelne Luxusgläser noch immer
aus Italien, Syrien
und Ägypten nach Augst und Kaiseraugst gekommen sein. Die grosse
Nachfrage
nach Glasgefässen für den täglichen Gebrauch wurde in
dieser Zeit vermutlich
fast ausschliesslich von Produktionsstätten in den nordwestlichen
Provinzen und
den lokalen Glashütten gedeckt. Im späten 3. und im 4. Jahrhundert
dürfte das
Luxusgeschirr fast ausschliesslich aus dem Rheinland stammen. Für
die Her-
kunft der Gebrauchsware kommen in dieser Zeit am ehesten Werkstätten
im
nördlichen Gallien in Frage. Ob und in welchem Umfange Gläser
in der Spät-
antike in lokalen Glashütten gefertigt wurden, lässt sich
nicht sagen. |
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Funde von Glasschmelzöfen, Häfen, Werkstattabfällen
und Formplatten belegen,
dass in der Koloniestadt selbst Gläser produziert wurden. Da die
Auswertung von
Befunden und Funden der Glashütten noch aussteht, kommen im Kapitel
zur Glas-
produktion in Augusta Raurica ausschliesslich Geräte und Produkte
der Glaswerk-
stätten zur Sprache. Die frühesten Hinweise für eine
lokale Produktion stammen
aus dem dritten Viertel des 1. Jahrhunderts n. Chr. Es sind Werkstattabfälle
und
Glasbruch aus Insula 29. Die Funde lassen vermuten, dass diese frühen
Glaswerk-
stätten in den zentrumsnahen Quartieren in der Oberstadt angesiedelt
waren.
Wahrscheinlich Ende des 1. oder Anfang des 2. Jahrhunderts wurde das
Glas-
handwerk in die Randgebiete der Stadt verlegt. Hinweise dafür
liefern Werkstatt-
abfälle in den südlichen Randquartieren und in der Unterstadt.
In Kaiseraugst, in
der Unterstadt, wo in den siebziger Jahren Glasöfen gefunden wurden,
ist eine
Produktion allerdings erst für das spätere 2. oder frühe
3. Jahrhundert nachzu-
weisen. Als Beleg dienen uns vorläufig einzig Hafenbruchstücke,
die zusammen
mit Keramik aus dieser Zeit geborgen wurden. Wie lange hier Glasgefässe
und
-objekte hergestellt wurden, lässt sich noch nicht beantworten.
Ebensowenig
wissen wir, ob in den lokalen Werkstätten das Glas aus den Rohstoffen
Quarz-
sand und Soda geschmolzen wurde. Ausser wenigen Bergkristallfunden
gibt es
zur Zeit keine Hinweise für eine Rohglasproduktion. Auf Grund
der zahlreichen
Altglas-(Bruchglas)-Funde ist es hingegen wahrscheinlicher anzunehmen,
dass
hier Glas aus importierten Barren und wieder eingeschmolzenem Altglas
weiterverarbeitet wurde. |
Die Augster und Kaiseraugster Glashütten produzierten vermutlich
ausschliesslich
anspruchslose Gebrauchsware. Zu den lokalen Produkten gehörten
einfache
Fläschchen und Krüglein, die in erster Linie beim Bestattungswesen
verwendet
wurden. Daneben fertigten die Glasmacher Badeflaschen (Aryballoi) AR
151/I 61
und Vierkantkrüge AR 156/I 50, die im lokalen Kleinhandel als
Transportbehälter
und im Haushalt als Vorratsgefässe dienten. Neben Hohlglas hat
man wahrschein-
lich auch Fensterscheiben hergestellt. Ob die Funde von Halbfabrikaten
zur Fer-
tigung von Mosaiksteinchen ebenfalls aus lokalen Glashütten kommen,
ist
ungewiss. |
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Der zweite Teil der Arbeit über die Gläser in städtetopographischen
Einheiten
umfasst Untersuchungen zur Fundüberlieferung im Stadtgebiet und
die Analyse
des Gefässspektrums in ausgewählten Quartieren und zu verschiedenen
Sied-
lungszeiten. Es wurde angestrebt, Zusammenhänge zwischen der Nutzung
der
Quartiere und den Gebrauchsgewohnheiten ihrer Bewohner zu erkennen.
Die
Untersuchungen hatten ferner zum Ziel, eventuelle Gesetzmässigkeiten
zwischen
dem sozialen Status der Bewohner und der Verwendung von Glasgeschirr
auf-
zuzeigen sowie mögliche Veränderungen in den Lebensgewohnheiten
zu er-
fassen. Mit der Kartierung von Glasgefässtypen, die in Augusta
Raurica in be-
stimmten Zeitabschnitten zum charakteristischen Geschirr gehörten,
sollte ferner
die siedlungsgeschichtliche Entwicklung der antiken Stadt aufgezeigt
werden.
Grundlage für die Analysen bildeten die bereits bekannten Befunde
der einzelnen
Quartiere bzw. Gebäudekomplexe und die durch ihren Fundkontext
zeitlich ein-
grenzbaren und formal bestimmbaren Gläser. Die nach Form- und
Funktions-
gruppen geordneten Glasgefässe und deren errechnete Anteile am
Fundspek-
trum erlaubten schliesslich Vergleiche zwischen den untersuchten Quartieren
und
den von S. M. E. van Lith und K. Randsborg (1985) publizierten Resultaten
an
anderen Fundorten. Die Untersuchung zur Verteilung der funddatierten
Gläser in
den topographischen Einheiten ergab eine Funddominanz im 1. und 3.
Jahrhun-
dert n. Chr. Gläser aus dem 2. und 4. Jahrhundert sind vergleichsweise
wenig
belegt. Unter Berücksichtigung der Siedlungsgenese, der Ausgrabungszeit
bzw.
der damaligen Grabungsmethoden sowie der Gepflogenheiten der Selektion
beim Inventarisieren konnte festgestellt werden, dass eine hohe Fundmenge
nicht unbedingt eine Folge des häufigen Gebrauchs von Glasgeschirr
bedeuten
muss. In viel grösserem Masse hängt die Glasmenge von der
Fundüberlieferung
ab. |
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In den öffentlichen Bereichen der Stadt wurden mit Ausnahme der
Thermen-
anlagen kaum Glasgefässe gefunden. Neben einer andersgearteten
Nutzung
dieser Anlagen ist die spärliche Hinterlassenschaft in Augusta
Raurica vor
allem auf die Methoden bei den frühen Ausgrabungen und der damals
geringen Grösse der erforschten Areale zurückzuführen.
Der in den Wohn-
und Handwerkerquartieren festgestellte Glasreichtum im 1. Jahrhundert
n.
Chr. basiert dagegen auf dem grossen Fundniederschlag in den Holzbauten.
Zudem überdauerte aus dieser Zeit der regen Bautätigkeit
überdurch-
schnittlich viel Material innerhalb des damals eingebrachten Planierungs-
schuttes. Die im 2. Jahrhundert festzustellende Fundarmut beruht auf
einem
geringen Fundniederschlag in den Steinbauten und wohl auch auf einer
gut
organisierten städtischen Kehrichtabfuhr. Die zahlreichen Funde
aus dem
3. Jahrhundert gehen vorwiegend auf den durch günstige topographische
Bedingungen erhalten gebliebenen Zerstörungsschutt des fortgeschrittenen
3. Jahrhunderts zurück. Die vergleichsweise wenigen Funde im 4.
Jahrhun-
dert gründen auf der in der Spätantike stark eingeschränkten
Siedlungs-
tätigkeit. Daneben wirkten sich hier die ständigen, bis in
die heutige Zeit
andauernden baulichen Eingriffe ungünstig auf die Fundüberlieferung
aus. |
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Abgesehen von der Menge und der Qualität der Gläser konnten
bei der
Verwendung von Glasgeschirr zwischen den untersuchten Wohn-, Hand-
werker- und Gewerbequartieren keine grundlegenden Unterschiede fest-
gestellt werden. Ausser den Thermen, wo erwartungsgemäss das Toilett-
geschirr (Badeflaschen) das Spektrum dominiert, nimmt in den Stadt-
quartieren zu allen Zeiten das Tafelgeschirr den ersten Platz ein.
Die
Anteile der zu Form- und Funktionsgruppen zusammengefassten Gefäss-
formen in den verschiedenen Siedlungszeiten zeigen eine weitgehende
Übereinstimmung mit anderen Fundorten und dürften deshalb
für die
Siedlungen in den westlichen Provinzen repräsentativ sein. Im
1. Jahr-
hundert n. Chr. überwiegt bei weitem das Tafelgeschirr und hier
sind es
in erster Linie die Schalen aus Glas, die den grössten Anteil
am Fund-
bestand haben. Obwohl das gläserne Tafelgeschirr im 2. Jahrhundert
innerhalb des Gefässspektrums immer noch die grösste Gruppe
dar-
stellt, haben sich jetzt die Verhältnisse zu Gunsten des Vorratsgeschirrs
verschoben. Hier zeigte sich, dass der Anteil von Vorratsgefässen
in
Quartieren mit einer einfacheren Bevölkerung etwas grösser
ist als in
Haushalten der besser gestellten Stadtbewohner. Da allerdings nicht
anzunehmen ist, dass von einer sozial schwächeren Schicht mehr
gläsernes Vorratsgeschirr verwendet wurde als von den Angehörigen
der zahlungskräftigen Bewohnerschaft, kann vermutet werden, dass
die billigen Glasbehälter, zur Hauptsache sind es Vierkantkrüge,
in
einfacheren Haushalten gelegentlich anstelle von teurem Glasgeschirr
bei Tisch Verwendung fanden. Im 3. Jahrhundert geht der Anteil der
Vorratsgefässe wieder zurück. Beim Tafelgeschirr sind es
nun die
Trinkbecher, die den grössten Teil des Geschirrs ausmachen. Im
4.
Jahrhunderts setzen sich innerhalb des Tafelgeschirrs die Becher
endgültig durch. Vorratsgeschirr ist jetzt keines mehr vorhanden.
Bei
der Zusammensetzung des Tafelgeschirrs konnte festgestellt werden,
dass im Verlaufe der Siedlungszeit immer weniger Glasschalen, da-
gegen vermehrt Glasbecher benutzt wurden. Die Abkehr von den viel-
seitig verwendbaren Glasschalen der Frühzeit und der häufige
Ge-
brauch der zweckgebundenen Glasbecher der Spätzeit steht in direk-
tem Zusammenhang mit den veränderten Trinksitten der Bevölkerung
und geht einher mit der technischen Entwicklung des Glashandwerks. |
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Um die Frage abzuklären, in wieweit das Glasspektrum Hinweise
zum
sozialen Status der Bevölkerung von Augusta Raurica liefern kann,
wurden
das polychrome Glas und das farblose Glas mit Schliffdekoren, beides
Vertreter des teuren Tafelgeschirrs, kartiert und mit den bekannten
Befunden der einzelnen Stadtquartiere in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte
sich, dass die meisten Gläser aus den Wohn- und Handwerkerquartieren
in der Oberstadt zu verzeichnen sind. Bemerkenswert ist allerdings,
dass
dem Fundreichtum in den Häusern der Mittelschicht eine ausgesprochene
Fundarmut in den luxuriösen Wohnbauten der Oberschicht gegenübersteht.
Dieses überraschende Resultat dürfte jedoch kaum bedeuten,
dass die
sozial besser gestellte Bevölkerung wenig oder kein Tafelglas
benutzte;
vielmehr muss die Fundmenge in Relation zum vermutlich unterschiedlichen
Abfallverhalten der einzelnen Bevölkerungsgruppen gesehen werden.
Daneben ist in den luxuriös ausgestatteten Steinbauten generell
mit einem
geringeren Fundniederschlag zu rechnen als in einfacheren Haushalten.
Da
in den am Stadtrand gelegenen Quartieren, wo Gewerbebetriebe ange-
siedelt waren und wohl auch Wohnhäuser einer eher unterprivilegierten
Be-
völkerung standen, ebenfalls vergleichsweise wenig Glasgeschirr
überliefert
ist, kann die Fundmenge von Glas allein nicht generell mit einer bestimmten
sozialen Bevölkerungsschicht in Beziehung gesetzt werden. Bei
der Interpre-
tation spielen die Fundablagerung und -überlieferung sowie der
Anteil von
teurem Tafelglas im Verhältnis zum gesamten Glasbestand eines
Quartiers
eine nicht zu unterschätzende Rolle. |
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Zur Abklärung, ob es möglich ist, die Stadtquartiere bzw.
deren Bewohner
anhand weiterer Kriterien sozial zu differenzieren, wurde das Fensterglas
in die Überlegungen einbezogen. Das Verhältnis der überlieferten
Fenster-
scheiben zu den Glasgefässen diente dabei als Gradmesser der unter-
schiedlichen Ausstattung der Gebäude und damit der sozialen Stellung
ihrer Bewohner. Es zeigte sich, dass Fensterglas im Verhältnis
zu den
übrigen Glasfunden in den luxuriös überbauten Oberstadtquartieren
über-
durchschnittlich gut vertreten ist. Obwohl die Gebäude der gemischten
Wohn- und Handwerker- bzw. Gewerbequartiere ebenfalls mit Fenster-
gläsern ausgestattet waren, weist hier das Fundgut im Durchschnitt
einen
niedrigeren Anteil an Fensterscheiben auf. Damit konnte gezeigt werden,
dass ein hoher Anteil von Fenstergläsern ein Indikator für
Gebäude bzw.
Quartiere der sozial besser gestellten Bevölkerung sein kann.
Dass
Fensterglas jedoch nicht in jedem Fall auf Wohnluxus hinweist, zeigt
die
Fundkonzentration von Fensterscheiben in den vor allem gewerblich
genutzten Unterstadtquartieren. Hier, wo die Glashütten angesiedelt
waren, ist es naheliegend, die ungewöhnliche Fundmenge mit einer
lokalen Produktion in Verbindung zu bringen. |
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