| FASCHINEN* |
|
Faschinen, walzenförmige
Strauchbündel, deren man sich beim Wasser-, Wege- und Batteriebau,
zur
Herstellung von Dämmen,
Unterbau von Wegen, Bekleiden von Böschungen sowie beim Eindecken
von Hohlbauten bedient.
Die F. der Artillerie sind 3 m lang, 30 cm dick und durch 10 Drahtbunde
zu-
sammengeschnürt. Die
F. der Pioniere: a) Bekleidungs-, Krönungs- und Decksaschinen, 3,8
m lang,
25 cm dick, 10 Drahtbunde;
b) Senkfaschinen zum Übergang über nasse Gräben, 1 m lang,
25 cm
dick, 3 Bänder mit
2 eingebundenen Ziegelsteinen; c) Wasserfaschinen, 2,5-3 m lang. nur auf
der
Stammseite bis zur Mitte
mit 3 Bändern gebunden, häufig Steine eingeschlossen, an den
Bundstellen
25 cm dick; d) Würste,
6-12 m lang, 10 bis 15 cm dick, alle 50 cm 1 Bund. Beim Batteriebau dienen
die F. als Grundfaschinen,
um den darauf gesetzten Schanzkörben festen Halt zu geben, als Krönungs-
faschinen zur Erhöhung
der Schanzkörbe, als Ankerfaschinen zum Verankern der letztern, als
Deckfa-
schinen auf Deckhölzern
oder Schienen bei Eindeckungen. Die F. werden in der Faschinenbank, einer
Reihe kreuzweise in die
Erde geschlagener starker Pfähle, gefertigt, indem man das Strauchwerk
mit
der Faschinenwürge,
zwei starken Pfählen, auf etwa ein Drittel ihrer Länge durch
eine Kette verbunden,
zusammenschnürt, mit
Draht oder Bindeweiden gebunden und an den Enden gerade abgeschnitten.
Die
F. müssen fest und
gleich sein, weil sonst mit ihnen nicht gerade zu bauen ist. Es kann altes,
nicht zu
brüchiges und starkes
(nicht mehr als 4 cm am Stammende dickes) Strauchwerk zu F. verwendet werden;
das Faschinenmesser
(s. d.) dient zum Strauchhauen wie Beputzen etc. der F. Beim Bau werden
die F.
mit 1 m langen Faschinenpfählen
festgepflöckt. |
|
| FASCHINENMESSER* |
|
Faschinenmesser, ein Hau-
und Schneidemesser von 30-40 cm langer, etwa 8 cm breiter Rücken-klinge
mit nach der Schneide zu
gekrümmter Spitze und Holzgriff zum Strauchhauen beim Faschinenmachen.
Bei der deutschen Feldartillerie
heißt das Seitengewehr der Fußmannschaften auch F. |
|
| SCHANZKÖRBE* |
|
Schanzkörbe, hohle,
über einem Kranz von 7 Pfählen aus Reisig wie Körbe geflochtene
Cylinder von
1 m Höhe und 0,6 m
Durchmesser, ähnlich den Sappenkörben; sie dienen der Fußartillerie
zum Bau
von Batterien |
|
| SCHANZZEUG* |
|
Schanzzeug, Werkzeuge zur
Ausführung von Erdarbeiten: Spaten oder Schippe, Axt, Säge,Maßstä-be,
Stampfen etc., wird von
den Pionieren und der Feldartillerie auf den Fahrzeugen (Geschützen)
mitgeführt,
von der Infanterie und Kavallerie
(nur Spaten mit kurzem Stiel und Beile) in Lederfut-teralen getragen. |
|
| GRABEN* |
|
Graben, lange, von der Natur
gebildete oder künstlich ausgehobene Vertiefung im Erdboden. Die Gräben
sind entweder trocken, zwischen
einzelnen Grundstücken und an den Wegen und Straßen (Straßengrä-
ben) zur Begrenzung derselben
(Grenzgraben), oder naß, zur Fortführung des überflüs-sigen
Wassers
aus Teichen, Flüssen
und Mühlgraben (Abschlagsgräben) sowie zum Auffangen und Abtreiben
des Was-
sers aus Wegen, sumpfigen
Wiesen und feuchten Feldern (Auffang-, Ablauf-, Abzugsgräben). Auf
Fel-
dern mit fester, thoniger
Unterlage legt man verdeckte Gräben an, die, 23 - 30 cm breit und
tief, mit Reis-
holz und Feldsteinen ausgefüllt
und mit Stroh oder Steinplatten und dann mit Erde bedeckt werden (Drai-
nage). In der Befestigungskunst
liefern die Gräben die Erde zur Errichtung der Wälle und sind
ein Haupt
hindernis feindlicher Annäherung.
Bei Feldbefestigungen genügt es, wenn die obere Breite 4 - 5 m und
die Tiefe des Grabens 3
m beträgt, um das Durchlaufen oder Über-springen desselben zu
verhüten. Wer-
den die Seitenwände
des Grabens bloß durch die abgestochene Erde gebildet, so muß
diese, um stand-
fest zu bleiben, geböscht
werden. Die dem Feind zugekehrte Böschung heißt innere Grabenböschung
oder Eskarpe, die gegenüberliegende
die äußere Graben-böschung oder Kontreskarpe. Die Grabensohle,
die untere Fläche des
Grabens, macht man bei Feld-befestigungen so schmal wie möglich, damit
es dem
Feind an Raum fehle, sich
im G. zu sammeln und Hilfsmittel zum Ersteigen der Brustwehr in Anwendung
zu bringen; in Festungen
macht man die Grä-ben breiter und tiefer, bekleidet meist die Böschungen
mit
Mauerwerk, damit sie ein
besseres Hin-dernis abgeben, und verwehrt dem Feinde die Benutzung der
tro-
cknen Grabensohle als Sammelplatz
durch Grabenbestreichung, die Kaponnieren, Reversgalerien etc.
Benannt werden die Gräben
in Festungen nach den Werken, vor denen sie liegen; vor dem Hauptwall
heißen sie kurz Hauptgräben.
Die trocknen Gräben mit gemauerten Eskarpen haben in Breite und Tiefe
nach den Befestigungs-manieren
vielfach gewechselt; jetzt macht man sie möglichst schmal und tief
und die Kontreskarpe höher
als die Eskarpe, um letztere dem feindlichen Artilleriefeuer zu entziehen.
Nasse Gräben, meist
beträchtlich breiter, mit Böschungen oft nur in Erde, müssen
zu völliger Sturm-
freiheit einen Wasserstand
von 2-3 m haben. In strengen Wintern ist die Sturmfreiheit nasser Gräben
schwer zu erhalten. Am vorteilhaftesten
ist ein G., der durch Schleusenvorrichtungen (Bär) nach Belieben
trock-en gehalten oder mit
Wasser gefüllt werden kann. Schmale Gräben vor verteidigungsfähigen
Mau-
ern, Thoren, Reduits etc.,
die den Feind nur am Herantreten und Hineinfeuern in die Scharten hindern
sollen, heißen Diamantgräben.
Meist ist ihr Kontreskarpenrand noch mit einem Gitter versehen. Nicht
gemauerte trockne Gräben
werden zu größerer Sicherheit mit Hindernismitteln versehen;
namentlich
aber werden solche angebracht
in sogen. Vorgräben, zu denen sich das Glacis der Werke abflacht.
Grabendescente (Grabenniedergang)
heißt der häufig unterirdische Gang, mittels dessen der Angreifer
im Festungskrieg aus dem
gedeckten Weg bis zur Grabensohle, bei nassen Gräben zum Wasserspie-
gel (Grabenübergang)
heruntergeht, welcher auf der Grabensohle oder schwimmender Unterlage ge-
deckt zur Bresche führen
soll. |
|
| WALL* |
|
Wall (lat. vallum), Erdanschüttung,
welche den Hauptteil eines Festungswerkes bildet. Die obere Fläche
trägt nach dem Feind
zu die Brustwehr, hinter ihr den Wallgang zur Aufstellung von Geschützen
und zum
Verkehr. |
|
| HAUPTWALL* |
|
Hauptwall, die geschlossene
Umwallung der Festung, welche mit dem Hauptgraben den Platz als innere
Verteidigungslinie gegen
Überfall und gewaltsamen Angriff sichert. |
|
| PALISSADEN* |
|
Palissaden (franz. palissades,
Schanzpfähle), 20 - 30 cm starke, 3 - 4 m lange, oben zugespitzt Pfähle,
werden in der Befestigungskunst
als Hindernismittel mit Zwischenräumen von 6 - 8 cm etwa 1 m tief
ein-
gegraben und in der Erde
durch eine Grundschwelle, am obern Ende durch eine aufge-nagelte Latte
ver-
bunden; liegend eingegrabene
P. (Sturmpfähle), Fräsierung. Verteidigungspalissaden sollen
gegen feind-
liches Gewehrfeuer decken
und die Abgabe eignen Feuers ermöglichen. Man setzt je drei Hölzer
dicht
nebeneinander und läßt
dann eine Lücke von 8-10 cm, die bis zur Anschlaghöhe durch eine
schwächere
Brustpalissade gefüllt
wird. Zur Deckung gegen Feuer schüttet man gegen die P. von außen
bis zur
Schartenhöhe Erde an
aus einem Spitzgraben, der zugleich die Benutzung der Scharten von außen
er-
schwert. Verteidigungspalissaden
wendet man an zum Schluß der Kehle of-fener Feldwerke, bei der
Ortsverteidigung, ja selbst
im freien Feld in Gestalt von runden sogen. Tambours, z. B. zur Deckung
einzelner Feldwachen gegen
Überfall durch Kavallerie. Im Orient trifft man oft Ortsbefestigungen,
wo P.
die äußere Brustwehrböschung
bilden und ein Erdwall dahinter angeschüttet ist. |
|
| FRÄSIERUNG* |
|
Fräsierung, im Befestigungswesen
ein Hindernismittel, bestehend in einer Reihe am obern Rande der
Eskarpe oder Kontreskarpe
auf etwa ein Drittel ihrer Länge eingegrabener palissadenähnlicher,
zuge-
spitzter Pfähle (Sturmpfähle),
die das Hinab- oder Hinaufsteigen an der Böschung erschweren oder
zum Sprung zwingen soll.
Ihrer mühevollen Herstellung wegen, und weil sie die Grabenbreite
verringert
und dadurch dessen Überbrückung
oder Überspringen erleichtert, wird die F. nur als Notbehelf ange-
wendet. |
|
| VERHAU, VERHACK* |
|
Verhau (Verhack), vielgebrauchtes
Annäherungshindernis, welches durch das diesseitige Feuer be-
strichen werden kann und
nicht ohne weiteres umgangen werden darf. Der Baumverhau besteht aus
umgehauenen Bäumen,
die mit ihren Wipfelenden nach dem Feind zu kreuzweise übereinander
ge-
worfen sind. Ein Strauchverhau
besteht aus struppigen, womöglich mit Dornen besetzten Ästen.
Beim natürlichen V.
bleiben die Bäume da, wo sie gefällt sind, liegen und werden
nicht ganz durch-
sägt, so daß
sie mit etwa einem Drittel der Holzstärke mit dem Stamm noch verbunden
bleiben.
Wer-den die Bäume etc.
nach andern Stellen gebracht, so heißt der V. Schleppverhau. Um das
Ausräumen eines Verhaues
zu erschweren, befestigt man die Stämme durch Pfähle, die man
vor
und zwischen den Ästen
einschlägt. Verhaue werden teils vor den Schanzen, in den Haupt- und
Vorgräben, längs
des Fußes der Kontreskarpe, teils zur Sicherung des Raums zwischen
Schanzen,
auch zur Sperrung von Hohlwegen,
Wald- und Dorfeingängen angelegt. Je breiter ein V., um so wirk-
samer als Hindernis. Der
V. muß tief liegen (in Gräben an Abhängen), oder die Verteidiger
müssen
erhöht aufgestellt
wer-den, um frei über den V. hinweg schießen zu können. |
|
| WOLFSGRUBEN* |
|
Wolfsgruben, 0,6 - 1,6 m
tiefe, kegelförmige Gruben mit einem aufwärts gerichteten, oben
zuge-
spitzten Pfahl in der Sohle,
werden schachbrettförmig auf dem Glacis oder im Vorterrain der
Schanzen als Annäherungshindernis
angelegt, doch zieht man in neuerer Zeit die wirksamern
Drahthindernisse vor. |
|
| FURAGE* |
|
Furage (franz. fourrage,
spr. furahsch. Fourage), Pferdefutter: Hafer, Heu, Stroh; daher furagieren,
Pferdefutter (soldatisch
auch Lebensmittel) herbeischaffen. Man unterscheidet trockne und grüne
Furagierung, je nachdem
die F. aus den Scheunen der Orte geholt oder auf Feldern und Wiesen
erst abgemäht wird.
Einen Angriff der Reiterei in aufgelöster Ordnung nennen die Franzosen
attaque en fourrageurs. |
|
| FLECHTWERK* |
|
Flechtwerk, im Festungs-,
Wasser- und Deichbau ein Bekleidungsmittel für Erdböschungen,
be-
stehend aus Pfählen,
die nach Art der Zaun- und Korbflechtwerke mit Holzreisern durchflochten
werden und so eine Wand
bilden, durch deren Zwischenräume Erde nicht durchfallen kann. |
|
| CHARTAQUE CHARTAQUES
CHARTAGE CHARTAGES |
|
Wacht- und Signalturm, Fortifikations-Element
einer "Linie", an exponiert topographischen Stellen
errichtet, Blockhaustechnik,
mit sehr schmalen, verschließbaren Luken bzw. Sehschlitzen im un-
teren Teil (oft ganz ohne),
oben mit begehbarer Plattform zur Beobachtung von Feindbewegungen
oder zum Setzen von Signalfeuer
für benachbarte Türme bzw. Schanzen. Je nach Bedarf waren die
Signaltürme auch mit
Mörsern versehen, um auch bei Nebel Signale zu geben. Nach spezieller
An-
forderung des Geländes
zwischen 5 - 10 Metern. Aussen wurden die Chartaques mit einem Wall-
graben und einem breiten
Verhack-Verhau-Bereich zusätzlich gesichert. War der Bau von Charta-
ques zeitlich oder materialmäßig
nicht möglich, wurden einfache Aussichtsplattformen in hohen
Bäumen platziert. |
| Quelle: Forschungsarbeiten
der AG MINIFOSSI |
|
| KRÄHENFUSS KRÄHENFÜSSE
WURFEISEN WOLFE WÖLFE DORN DORNE KRALLE KRALLEN |
|
Krähenfüsse waren
gefürchtete Defensivsysteme bei den Fuß- wie auch berittenen
Truppen. Sie waren aus
Eisen gechmiedet, durchschnittlich
5 - 10 cm lang und bestanden aus vier vom Zentrum ausgehenden Sei-
tendornen. Sie waren so
konstruiert, dass immer ein Dorn oder eine der Krallen nach oben zeigten,
während
die restlichen Dorne einen
festen Halt auf jederm Untergrund gewährleisteten. Vor allem im Vorfeld
von Feld-
befestigungen wie Schanzen,
aber auch Letzen, waren diese Wurfeisen - oft zu hunderten ausgelegt -
eine
gefährliche Defensivwaffe,
die fürchterliche Fleischwunden bei Mensch und Tier verursachte.Trat
ein Pferd auf
einen solchen Krähenfuß,
drang der Dorn tief in den Huf ein, das Pferd stiegt hoch und war nicht
mehr zu hal-
ten. Gerieten Soldaten zu
Fuß in ein solches "Dornenfeld", verursachten die Wölfe lebensgefährliche
Ver-
letzungen, die angesichts
der mangelnden Hygiene und der unzureichenden Wundversorgung oft ein Siech-
tum und Blutvergiftung auslösten.
Historisch verbürgt ist der massive Einsatz der Wölfe in der
blutigen
Schlacht von Schönenbuchen
(1444), wo der Einsatz der Krähenfüße an der Letze zum
Sieg der Schwarz-
wälder Bauern über
ein hochgerüstetes und gut ausgebildetes Reiterheer führte. |
| Quelle: Forschungsarbeiten
der AG MINIFOSSI |
|
| GENIE* (GENIE- UND INGENIEUR-KORPS) |
|
Genie (franz.), eine der
Spezialwaffen der Heere, welche im Krieg wie im Frieden diejenigen militärisch-
bautechnischen Arbeiten
auszuführen oder zu leiten hat, die besondere technische Kenntnisse
und
Fertigkeiten erfordern.
Die Offiziere dieser Waffe bilden das Geniekorps oder (in Deutschland)
Ingenieur-
korps, während die
Truppe selbst Genietruppe oder Pioniere genannt wird. DieGenieoffiziere
haben die
Entwürfe von Festungen
und fortifikatorischen Bauten aller Arten zu fertigen und deren Bauausführung
zu leiten. Im Festungskrieg,
sowohl beim Angriff als bei der Vertei-digung, leiten sie den fortifikatorisch-
technischen Dienst, wie
Sappen- und Minenbau, Brückenschlag, das Zer-stören von Wegen,
Brücken,
Eisenbahnen etc., im Küstenkrieg
(mit Ausnahme in den Kriegshäfen) das Auslegen von Seeminen-
sperren u. dgl. Hiernach
gliedert sich der Dienst der Genietruppe in den der Sappeure, Sappen- und
Schanzenbau, der Mineure,
unterirdische Anlagen, und der Pon-toniere, Brückenbau. In einigen
Armeen
stehen die Eisenbahn- und
Telegraphentruppen mit der Genietruppe in organischem Zusammenhang
oder werden im Krieg aus
ihnen formiert, wie in Deutschland die Feldtelegraphenabteilungen, in andern
sind sie selbständig.
Die Organisation der Genietruppen ist in den einzelnen Heeren recht verschieden.
Deutschland Pioniere. Österreich
hat 2 Genieregimenter und 1 Pionierregiment, jedes zu 5 Feldbatail-
lonen à 4 Kompanien,
die in Bezug auf den allgemeinen Pionierdienst (Wegebau und -Zerstörung,
Feld-
befestigung) gemeinsame
Verwendung finden; speziell aber fällt den erstern die Mitwirkung
im Festungs-
dienst (Mineurdienst), dem
letztern der Kriegs-brückenbau zu, zu welchem Zweck ihm 56 Kriegsbrücken-
equipagen à 53 m
Brückenlänge zuge-wiesen sind. Die Genieregimenter sind dem Generalgenieinspektor
im Kriegsministerium, das
Pionier-regiment nur in administrativer Beziehung dem Kriegsministerium,
im
übrigen dem Chef des
General-stabs unterstellt. Im J. 1883 wurde aus den Pionier- und Mineurdetache-
ments ein Eisenbahn- und
Telegraphenregiment formiert. Frankreich hat 4 Regimenter zu je 5 Bataillonen
à 4 Kompanien Sappeure-Mineure
und 2 Regimenter à 14 Kompanien Pontoniere, letztere gehören
jedoch
nach alter Tradition zur
Feldartillerie. Zu jedem Genieregiment gehören 1 Depot- und 1 Eisenbahnkompanie.
Im Krieg verfügt Frankreich
über 80 Kompanien Sappeure-Mineure, 28 Kompanien Pontoniere, 4 Eisen-
bahnbataillone, 9 Eisenbahnarbeiter-Sektionen,
welch letztere von den Eisenbahngesellschaften aufge-
stellt werden. Italien hat
4 Genieregimenter; jedes der beiden ersten hat 14 Sappeur- und 2 Trainkompa-
nien; das 3. Regiment besteht
aus 4 Sappeur-, 6 Telegraphen-, 4 Eisenbahn- und 2 Trainkompanien; das
4. ist das Pontonierregiment,
es besteht aus 8 Pontonier-, 2 Lagunen- (lagunari) und 4 Trainkompanien.
Großbritannien hat
34 aktive Ingenieurkompanien, davon sind 4 Topographen-, 2 Eisenbahn-,
7 Torpedo-,
5 Feld- (jede mit einem
leichten Ingenieurpark), 16 Garnison- (Festungs-) Kompanien; außerdem
9 Ersatz-,
3 Kadrekompanien, 1 Telegraphenbataillon
zu 2 Divisionen, von denen eine stets kriegsbereit, 1 fahrende
Pontonierkompanie, 1 Ersatz-Sappeurabteilung,
1 Ingenieur-feldpark und 2 Luftschiffahrtskompanien, von
denen eine in Südafrika.
Rußlands Ingenieurtruppen bestehen aus 17 Sappeurbataillonen, 4 Sappeurkom-
panien, 8 Pontonier-, 4
Eisenbahnbataillonen, 6 Feld-, 2 Belagerungsingenieur-, 16 Telegraphenparken.
Die
hohe Entwickelung des Belagerungs-wesens
(Poliorketik) bei den Griechen und Makedoniern läßt eine Art
Genietruppe bei ihnen voraus-setzen,
welche den Bau der mannigfachen Kriegsmarinen, der Laufgräben,
Deckwälle, Minengänge
zum Einstürzen feindlicher Festungsmauern etc. ausführten. Diades,
Chaireas
und Dienechos waren berühmte
Ingenieure Alexanders. Die Römer hatten schon in den ältesten
Zeiten
technische Truppen, Fabri
aerarii (Sappeure) und Fabri lignarii (Zimmerleute), für den Belagerungskrieg,
welche die Kriegsmaschinen
und Brücken bauten und die Minen (cuniculi) anlegten. Ihr Oberbefehlshaber
(Ge-neralinspektor), der
Praefectus fabrorum, war nur dem Feldherrn unterstellt. Im Mittelalter
bis in das
16. Jahrh. war der Ingenieurdienst
von dem der Artillerie nicht getrennt. Bei den Spaniern und Italie-nern
taucht schon um die Mitte
des 14. Jahrh. der Name Ingenieros (span. engeños, ital. ingegni,
Kriegsma-
schinen) für die Kriegsleute
auf, welche die Kriegsmaschinen anzufertigen und zu gebrauchen verstanden.
In den Landsknechtheeren
Anfang des 16. Jahrh. hatte der Artillerieoberst eine gewisse Anzahl Schanz
bauern für den Schanzen-,
Wege- und Brückenbau zu stellen, die unter einem Schanzbauern-
hauptmann, Schanz-
und Brückenmeistern standen; sie sind als die Anfänge der Genietruppe
an
zusehen. Ein Ingenieurkorps
wurde zuerst 1603 von Sully gebildet, der auch für dessen wissenschaftliche
und technische Ausbildung
sorgte. Es bildete lange, dem Zeitgebrauch entsprechend, wie die Büchsen-
meister der Artillerie,
eine Zunft, deren Schranken erst nach und nach von Montalembert, d'Arçon,
Carnot
u. a. durchbrochen wurden.
Die "Kriegsbaumeister" im Solde der Fürsten, die Erbauer von Festungen,
wa-
ren meist Bürger, die
ihren Beruf als Kunst da ausübten, wo sie den lohnendsten Erwerb fanden,
gleichviel
in welchem Lande. Gustav
Adolf bildete sich ein Korps von Feld- und Festungsingenieuren, welches
er mit
dem Generalstab vereinigte.
In Preußen entstand unter Friedrich Wilhelm I., in Sachsen unter
August II. ein
Ingenieurkorps, in
Österreich schon um 1640 ein Geniekorps, nachdem die Formation einer
Genietruppe
dort vorangegangen; in Frankreich
wurde 1679, in Brandenburg 1690 eine Mineurtruppe errichtet. Die Er-
richtung der Ingenieur-
oder Geniekorps hatte die von Ingenieurschulen zur sachwissenschaftlichen
Aus-
bildung der Genieoffiziere
zur notwendigen Folge. So wurde 1717 in Wien die Ingenieurakademie, 1742
zu
Dresden, 1750 zu Mézières,
1788 zu Potsdam eine Ingenieurschule gegründet; letztere ging 1806
ein,
wurde aber 1816 mit der
Artillerieschule zu Berlin vereinigt und besteht heute als "vereinigte
Artillerie- und
Ingenieurschule" zu Charlottenburg.
Bayern hat seine 1857 in München auf ähnlicher Grundlage errichtete
Artillerie- und Ingenieurschule
beibehalten. In Frankreich besteht als Fachschule die École d'application
de
l'artillerie et du génie,
die, 1802 in Metz errichtet, seit 1871 in Fontainebleau besteht. England
hat zu Wool-
wich eine Militärakademie
für Artillerie- und Geniewesen, Rußland in Petersburg die Nikolaus-Ingenieur-
schule und Nikolaus-Ingenieurakademie.
Österreich hat in Wien eine "tech-nische Militärakademie" mit
Artillerie- und Genieabteilung
und beim "technischen und administrativen Militärkomitee" einen "höhern
Geniekurs" für besonders
befähigte Genieoffiziere. Vgl. v. Bonin, Ge-schichte des Ingenieurkorps
u. der
Pioniere in Preußen
(Berl. 1877 - 78). |
|
| PIONIERE* |
|
Pioniere, Truppen für
den Genie- oder Ingenieurdienst. Deutschland hat 19 Pionierbataillone (darunter
2 bay-
rische, 1 sächsisches,
1 württembergisches), welche 2 Pionierinspektionen unterstellt sind.
Jedes Bataillon
hat 4 Kompanien, von denen
die drei ersten, die Feldkompanien, zur Besetzung von 2 Divi-sions- und
1 Korps-
brückentrain pro Armeekorps
sowie für den Feldpionierdienst bestimmt sind. Die 4. Kompanie ist
die Mineur-
kompanie, welche als Stamm
für die Aufstellung von 3 Festungs-Pionierkom-panien für den
Festungskrieg
(beim Angriff zur Besetzung
der Ingenieur-Belagerungstrains) bei der Mobilmachung dient. Außerdem
wer-
den von den Pionieren im
Krieg die 12 Feld- und 7 Etappen-Telegraphenabteilungen (auch Bayern und
Würt-
temberg formieren solche)
aufgestellt. Infanterie- und Kavalleriepioniere sind in den einfachsten
technischen
Verrichtungen des Feldpionierdienstes
ausgebildete Mannschaften dieser Waffen zur Ausübung derselben
im Biwak, auf Märschen
u. auf dem Gefechtsfeld; sie sind zu diesem Zweck mit tragbarem Schanzzeug
ausgerüstet. Österreich
hat 1 Pionierregiment. |
| DIE LINIE BADEN-BADEN* |
|
Markgraf Bernhard III. von
B.-Baden bekannte sich öffentlich zur evangelischen Lehre und führte
sie zuerst
in seinem Landesteil B.-Baden
ein, während sein Bruder sie nur heimlich schützte. Seine beiden
Söhne
Philibert und Christoph
teilten die Linie B.-Baden wieder in zwei neue Linien, eine ältere,
B.-Baden, und eine
jüngere, B.-Rodemachern.
Nach dem Tod Philiberts, der 1569 in der Schlacht von Moncontour fiel,
folgte ihm
sein zehnjähriger Sohn
Philipp II. unter der Vormundschaft des Herzogs Albrecht V. von Bayern,
seiner Groß-
mutter Jakobäa von
Bayern und des Grafen von Hohenzollern-Sigmaringen. Da sich aber der Markgraf
Karl II.
von B.-Durlach gegen diese
Vormundschaft erklärte, so sprach der Kaiser schon 1571 den noch nicht
13jähr-
igen Philipp mündig.
Von seinen Vormündern in der katholischen Konfession erzogen, führte
er diese nach
den Vorschriften des tridentinischen
Konzils an seinem Hof und in seinem Land wieder ein; alle Beamten,
die sich diesem Wechsel
widersetzten, wurden entlassen. Als er 1588 unvermählt starb, fiel
das (sehr ver-
schuldete) baden-badensche
Erbe ganz an die Linie Rodemachern und zwar an den berüchtigten Markgrafen
Eduard Fortunatus, den Erstgebornen
Christophs II., der in spanischen Diensten gegen die Holländer ge-
kämpft hatte und die
katholische Konfession im Land bestehen ließ. Als er 1600 in der
Trunkenheit durch
einen Treppensturz den Hals
brach, hätte ihm sein ältester, damals erst siebenjähriger
Sohn, Wilhelm, der
am Hof des Erzherzogs Albrecht
eine vortreffliche Erziehung genoß, in der Regierung folgen sollen;
aber der
Markgraf Georg Friedrich
von B.-Durlach, welcher dessen Successionsrechte wegen Unebenbürtigkeit
von
mütterlicher Seite
bestritt, behielt die obere Markgrafschaft besetzt. Erst nach der Schlacht
bei Wimpfen
(1622) erhielt Wilhelm durch
den Kaiser die Markgrafschaft B.-Baden wieder, in welcher er seinem Verspre-
chen gemäß die
katholische Religion wieder einführte und durch Gründung von
reich ausgestatteten Jesui-
tenkollegien in Ettlingen
und Baden befestigte. Im Dreißigjährigen Krieg diente er als
General im kaiserlichen
Heer, erlitt aber 1632 bei
Schlettstadt eine Niederlage durch den schwedischen General Horn, worauf
sein
Land besetzt und wieder
mit B.-Durlach vereinigt wurde. Er lebte nun in Innsbruck bis zur Schlacht
bei Nördl-
ingen (1634), durch welche
er nicht bloß in den Besitz seiner Markgrafschaft, sondern auch der
baden-du-
rlachschen Lande kam; erst
der Westfälische Friede brachte letztere an ihren Stammherrn zurück.
Wilhelms
Nachfolger war 1677 sein
Urenkel, Markgraf F. VI., Markgraf von Baden, Sohn des Markgrafen Friedrich
V.,
geb. 16. Nov. 1617, focht
unter Herzog Bernhard von Weimar und Karl X. Gustav von Schweden in Deut-
schland und Polen mit großer
Auszeichnung und folgte seinem Vater 1659 in Baden-Durlach. Er war eifrig
bemüht, die Wunden,
welche der Dreißigjährige Krieg seinem Land geschlagen, zu heilen,
und pflegte na-
mentlich Künste und
Wissenschaften. Nachdem er sich 1664 in Ungarn gegen die Türken und
1674 - 76 als
Reichsfeldmarschall gegen
Frankreich neue Lorbeeren errungen, starb er 31. Jan. 1677. |
| |
| LUDWIG WILHELM WILHELM
I., MARKGRAF VON BADEN, DER TÜRKEN-LUIS* |
L. Wilhelm I., Markgraf
von Baden, der "Türken-Luis", Sohn des Erbprinzen Ferdinand Maximilian
von Baden-
Baden und der Luise Christiane
von Savoyen, geb. 8. April 1655 zu Paris, wo seine Mutter getrennt von
ihrem
Gemahl lebte, erhielt seine
Erziehung zu Baden und diente seit 1675 unter Montecuccoli und dem Herzog
von Lothringen gegen Frankreich,
bis der Friede zu Nimwegen (1678) ihn nach Baden-Baden zurückführte,
dessen Regierung er nach
seines Großvaters Wilhelm Tod (1677) angetreten hatte, da sein Vater
schon
1669 gestorben war. Bald
darauf trat er als Feldmarschallleutnant in kaiserliche Dienste, zog 1683
vor das
von den Türken belagerte
Wien, wohnte der Schlacht am Kahlenberg bei und focht hierauf ruhmvoll
in Ungarn.
1689 mit dem Kommando der
ganzen kaiserlichen Armee in Ungarn betraut, schlug er die Türken
24. Sept.
1689 bei Nissa, eroberte
diese Stadt und Widdin, schlug 1690 Tököly in Siebenbürgen,
erfocht 19. Aug.
1691 den Sieg bei Salankemen
und nahm Lippa, Großwardein, Brod und Gradisca, worauf er zum Feldzeug-
meister und Gouverneur von
Raab ernannt wurde. 1693 erhielt er das Kommando der Reichsarmee am Oberr-
hein und eroberte Heidelberg
wieder, hielt sich aber dann meist allzu vorsichtig stets hinter seinen
Linien von
dem Schwarzwald bis an den
Rhein (den Stollhofener Linien) bis zum Frieden von Ryswyk (1697). 1696
be-
warb er sich vergeblich
um die polnische Königskrone. Im spanischen Erbfolgekrieg nahm er
1702 Landau,
trug 2. Juli 1704 zum Sieg
am Schellenberg bei und ward Reichsfeldmarschall. 1706 focht er wegen seiner
allzu großen Bedächtigkeit
mit weniger Glück gegen die Franzosen. Er starb 4. Jan. 1707 in Rastatt.
Ver-
mählt war L. mit Franziska
Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg. Vgl. Röder v. Diersburg, Des
Markgrafen
L. Wilhelm von Baden Feldzüge
wider die Türken (Karlsr. 1839 bis 1842, 2 Bde); Derselbe, Kriegs-
und Staats-
schriften des Markgrafen
L. Wilhelm von Baden (das. 1850, 2 Bde.). |
Ludwig Wilhelm, ein ausgezeichneter
Fürst, zugleich einer der größten Kriegshelden seiner an
militärischen
Talenten reichen Zeit. Nachdem
B.-Baden alle Drangsale des Kriegs erduldet, verlor es durch den Frieden
von
Nimwegen 1678 auch noch
Gräfenstein, Sponheim, die luxemburgischen Herrschaften und mehrere
Städte,
welche von den Reunionskammern
für Frankreich in Beschlag genommen wurden; doch fielen ihm im Frieden
von Ryswyk diese Lande wieder
zu. Auf Ludwig Wilhelm folgte 1707 sein ältester Sohn, Ludwig Georg,
unter
Vormundschaft seiner Mutter
und des Herzogs von Lothringen. Durch den Rastatter Frieden 1714 erhielt
B.
die luxemburgischen Besitzungen
zurück, aber als französisches Lehen. Die Markgräfin suchte
durch Ordnung,
Sparsamkeit und Schuldentilgung
dem Land wieder aufzuhelfen und erbaute die Schlösser Rastatt und
Favorite;
Ludwig Georg übernahm
erst 1727 selbst die Regierung. Ihm folgte 1761 sein jüngerer Bruder,
August Georg,
damals schon 55 Jahre alt.
Mit diesem erlosch 21. Okt. 1771 die Linie B.-Baden, welche 256 Jahre geblüht
hatte, und ihre Länder
fielen auf Grund einer 1765 geschlossenen Erbverbrüderung an die jetzt
noch blühende
Linie B.-Durlach |
|
| LEOPOLD I.* |
|
Auf Ferdinand III. folgte,
da der älteste Sohn, Ferdinand, der 1653 zum römischen König
gewählt worden,
bereits 9. Juli 1654 gestorben
war, sein zweiter Sohn, Leopold I. (1657-1705), der 1658 auch zum deutschen
Kaiser gewählt wurde.
Die lange Regierung dieses Habsburgers war für Österreich eine
bedeutungsvolle und
schließlich erfolgreiche,
obwohl er geringe Herrschergaben entwickelte, die Verwaltung in ihrem alten
Geleise
beließ, Verschwendung
am Hof und Bestechlichkeit der Beamten duldete, so daß die Finanzen
sich in klägl-
ichem Zustand befanden,
durch seinen fanatischen Bekehrungseifer die protestantischen Ungarn zu
Empörun-
gen zwang und sich in seiner
auswärtigen Politik vom spanischen Einfluß leiten ließ.
Nur das Heerwesen war
in genügendem Stande,
da hier noch die glänzenden Traditionen des großen Kriegs wirksam
waren. Aber die
echt habsburgische Zähigkeit,
mit der Leopold, durch kein Mißgeschick abgeschreckt, an seinen Zielen
fest-
hielt, bewirkte, daß
er endlich die österreichische Machtstellung in Europa bedeutend erhöhte;
der innere Or-
ganismus war aber nicht
gesund und lebenskräftig. Österreich hatte unter Leopold I. nach
zwei Seiten hin zu
kämpfen. Zunächst
fielen die Türken von neuem in Ungarn ein. Ein österreichisches
Heer, welches sie bei Gran
am Überschreiten der
Donau hindern wollte, wurde zurückgeschlagen (Aug. 1663), und die
türkischen und ta-
tarischen Scharen drangen
plündernd und brandschatzend bis Brünn und Olmütz vor. Durch
den Sieg Monte-
cuccolis bei St. Gotthardt
a. d. Raab (1. Aug. 1664) wurden die Türken zu dem Frieden von Vasvár
bewogen,
der Österreich zwar
keine Gebietsvergrößerung, aber Ruhe und die Möglichkeit
gewährte, die Herrschaft in Un-
garn zu befestigen und die
ständischen Rechte und die Religionsfreiheit der Ungarn zu beschränken.
Eine Ver-
schwörung der Magnaten
hiergegen wurde unterdrückt und blutig bestraft (1665-71). Als Emmerich
Tököly, das
Haupt der Ungarn, die für
ihre alte Verfassung und für den in grausamer Weise verfolgten Protestantismus
käm-
pften, die Türken endlich
um Hilfe bat, rückten diese 1683 unter dem Großwesir Kara Mustafa,
200,000 Mann
stark, sengend und brennend
bis vor Wien, das zwei Monate lang belagert, aber durch die tapfere Besatzung
und die Bürgerschaft
erfolgreich verteidigt wurde, während der kaiserliche Hof nach Passau
geflüchtet war. Ein
kaiserliches und Reichsheer
unter Karl von Lothringen und die Polen unter Johann Sobieski entsetzten
endlich
durch den Sieg am Kahlenberg
(12. Sept. 1683) die Hauptstadt. Durch deutsche Reichstruppen verstärkt,
rückt-
en nun die Kaiserlichen
in Ungarn ein, nahmen 1683 Gran, 1686 Ofen ein und eroberten durch den
Sieg bei
Mohács (12. Aug.
1687) Kroatien und Slawonien. Durch diese Erfolge seiner Waffen erreichte
es Leopold, daß
die ungarischen Stände
1687 in die Aufhebung des Wahlkönigtums willigten und das Land in
ein Erbreich unter
habsburgischer Herrschaft
verwandelten, und vereinigte mit demselben 9. Mai 1688 Siebenbürgen,
dessen Fürst
und Landtag der türkischen
Oberherrschaft entsagten. Durch die Siege des Markgrafen Ludwig von Baden
bei
Szalankemen (19. Aug. 1691)
und Eugens von Savoyen bei Zenta (11. Sept. 1697) wurde der Sultan zum
Frie-
den von Karlowitz (26. Jan.
1699) gezwungen, in welchem ganz Siebenbürgen und alles Land zwischen
Donau
und Theiß, mit Ausnahme
des Banats von Temesvár, an Österreich abgetreten wurde. Inzwischen
war auch Ti-
rol, welches seit 1564 von
Seitenlinien beherrscht worden, nach dem Erlöschen der letzten 1665
an Österreich
zurückgefallen. Den
Krieg im Westen gegen Frankreich führte Leopold zur Sicherung der
Reichsgrenzen und
der Wahrung der Stellung
seines Hauses im Reich; hatte Ludwig XIV. doch schon 1658 sich ernstlich
um die
Kaiserkrone beworben. Die
ersten französischen Kriege (1672-79 und 1688-97) waren freilich nicht
so erfolgreich
wie die türkischen.
Die Friedensschlüsse von Nimwegen und Ryswyk ließen Ludwig XIV.
seine meisten Erober-
ungen, namentlich die Reunionen.
Von nun an bestimmte vornehmlich die Rücksicht auf Spanien die Haltung
Leop-
olds gegen Frankreich. Hier
stand das Erlöschen der habsburgischen Dynastie bevor, da König
Karl II. kränklich
und kinderlos war, und der
Kaiser war eifrig bemüht, die spanische Krone seinem Haus zu erhalten
und auf seinen
zweiten Sohn, Karl, zu übertragen.
Als nun Karl II. 1700 starb und der von ihm testamentarisch zum Erben er-
nannte Enkel Ludwigs XIV.,
Philipp von Anjou, mit französischer Hilfe von Spanien Besitz ergriff,
entschloß sich
Leopold 1701 im Bund mit
den meisten deutschen Fürsten und den Seemächte, die habsburgischen
Ansprüche
auf Spanien mit Waffengewalt
geltend zu machen. In diesem Krieg, welcher nur für dynastische Zwecke,
für die
Vergrößerung
der habsburgischen Hausmacht, geführt wurde, und in welchem Österreich
zum erstenmal seine
Hand nach dem Erwerb Bayerns
ausstreckte, errangen die Kaiserlichen, hauptsächlich durch das Feldherrn-
genie des Prinzen Eugen,
nach anfänglichem Mißgeschick endlich auch glänzende Erfolge.
Leopold I. erlebte
noch den Sieg bei Höchstädt
(13. Aug. 1704), der dem Krieg die entscheidende Wendung zu gunsten Öster-
reichs gab. Auf Leopold
(gest. 5. Mai 1705) folgte sein älterer Sohn, Joseph I. (1705-11),
der den spanischen
Erbfolgekrieg mit Aufbietung
aller Kräfte fortsetzte, obwohl in Ungarn eine Empörung unter
Franz Rákóczy II.
ausbrach; dieselbe wurde
durch den Sieg der Kaiserlichen bei Trentschin (1708) unterdrückt
und die völlige
Pacifikation Ungarns durch
den Száthmarer oder Károlyischen Frieden (1711) erreicht.
Inzwischen war Bayern
besetzt, durch den Sieg
von Turin (1706) Italien von den Franzosen befreit und durch die Schlachten
von Ouden-
aarde (1708) und Malplaquet
(1709) die französische Kriegsmacht fast vernichtet worden. Jetzt
hätte der Friede
unter den günstigsten
Bedingungen abgeschlossen werden können, indem Ludwig XIV. zum Verzicht
auf die
spanische Erbschaft und
zur Rückgabe seiner Eroberungen an der deutschen Westgrenze bereit
war. Deut-
schland wäre künftig
gegen französische Eroberungsgier gesichert gewesen, das Haus Habsburg
hätte sich
als den mächtigen Hort
des Reichs erwiesen und Österreich sich unter der Regierung Josephs
I., der sich auch
im Innern als tüchtiger
Regent bewährte, sich tolerant und aufgeklärt zeigte und in den
Finanzen und der Justiz
wirksame Reformen einführte,
einer glücklichen Entwickelung erfreuen können. Aber aus dynastischem
Interes-
se brachte Joseph die Friedensverhandlungen
zum Scheitern, indem er die ganze spanische Monarchie für sei-
nen Bruder Karl
verlangte und sogar von Ludwig XIV. forderte, daß er seinen Enkel
aus Spanien vertreiben helfe.
Inzwischen nahm der Krieg
in Spanien für Karl eine so ungünstige Wendung, daß an
eine Eroberung des Landes
weniger als je zu denken
war, und Frankreichs Streitkräfte erholten sich. Joseph I. starb aber
17. April 1711, ohne
Söhne zu hinterlassen:
der einzige Sproß des habsburgischen Hauses war sein Bruder, bisher
Karl III. von Spa-
nien, noch 1711 als Karl
VI. (1711-40) auf den deutschen Kaiserthron erhoben. Die Fortsetzung der
bisherigen
Politik der Verbündeten
hätte also die Vereinigung der österreichischen und der spanischen
Monarchie in eine
Hand zur Folge gehabt, und
da dies das europäische Gleichgewicht gefährden mußte,
so trennten sich die See-
mächte von Österreich
und schlossen mit Frankreich 1713 den Frieden von Utrecht, den der Kaiser
nach erfolglo-
ser Fortsetzung des Kriegs
1714 im Friedensschluß von Rastatt anerkennen mußte. Österreich
erwarb aus der
spanischen Erbschaft ansehnliche
Gebietsteile, die spanischen Nieder-lande, Mailand, Mantua, Neapel und
Sar
dinien, das 1720 gegen Sizilien
ausgetauscht wurde. Eine weitere beträcht-liche Gebietsvergrößerung
erlangte
es durch einen neuen Türkenkrieg
(1716-18), in welchem Prinz Eugen die weit stärkern Türkenheere
bei Peter-
wardein (5. Aug. 1716) und
bei Belgrad (16. Aug. 1717) völlig besiegte und die Pforte im Frieden
von Passarowitz
(21. Juni 1718) zur Abtretung
des Banats, von fünf Distrikten der Kleinen Walachei und Serbiens
zwischen der
Morawa und Drina zwang.
Doch gereichten diese Erwerbungen. Österreich nicht zum Heil und wurden
auch nicht
lange behauptet. In den
Niederlanden und in den italienischen Besitzungen verschlang die Verwaltung
alle Ein-
nahmen; dagegen nahmen diese
Lande einen Teil des Heers in Anspruch und verursachten wiederholt diploma-
tische Verwickelungen, da
die Bourbonen immer wieder ihre begehrlichen Blicke nach ihnen richteten.
Karl VI.
wurde hierdurch ganz von
der innern. Verwaltung abgezogen, die in den zerrütteten Zustand der
Zeit Leopolds I.
zurücksank. Die höchsten
Beamtenstellen wurden nach der Gunst des Hofs vergeben, die niedern Beamten
wa-
ren träge, nachlässig
und bestechlich. Die Einnahmen des Staats, ungeschickt verwaltet und am
unrechten Ort
verschwendet, reichten nie
zur Deckung der Ausgaben, geschweige denn zur Schuldentilgung aus. So wurde
selbst das Heer vernachlässigt:
es war nie vollzählig, über die ganze Monarchie in Garnisonen
verstreut, mangel-
haft ausgerüstet und
geschult, die Festungen vernachlässigt und meist nicht verteidigungsfähig.Seit
1716 beschäf-
tigte den Kaiser fast ausschließlich
die Regelung der Thronfolge in seinen Landen. Karl VI. hatte nämlich
ebenfalls
keine Söhne. Er erließ
daher eine neue Thronfolgeordnung, die Pragmatische Sanktion, welche bestimmte,
daß
sämtliche österreichische
Länder nach seinem Tod "untrennbar und unauflöslich" sein und
sämtlich an seine äl-
teste Tochter, Maria Theresia,
und deren Nachkommen fallen sollten. Nachdem er die Zustimmung der Stände
der verschiedenen Erbländer
seines Reiches zu derselben erlangt hatte, suchte er auch die europäischen
Mäch-
te zur Anerkennung derselben
zu bewegen, statt, wie Prinz Eugen riet, seine Nachfolgerin durch ein tüchtiges
Heer und einen wohlgefüllten
Schatz in stand zu setzen, ihren Thron mit eigner Kraft zu verteidigen,
und brachte
hierfür große
Opfer. |
|
| LUDWIG XIV. * |
L. XIV. (Louis le Grand),
König von Frankreich, Sohn des vorigen und der Anna von Österreich,
geb. 5. Sept. 1638, folgte
seinem Vater 14. Mai 1643 unter Vormundschaft seiner Mutter und
dem Einfluß Mazarins.
Die alsbald beginnenden Unruhen der Fronde (s. d.) wurden erst mit der
Unterwerfung Condés
und dem Pyrenäischen Frieden 1659 beendet. Auch nachdem L. 1651
mündig geworden, überließ
er die Zügel der Regierung den bewährten Händen Mazarins.
Erst seit
des letztern Tod 9. März
1661 regierte er selbständig und entwickelte eine von ihm nicht erwarte-
te Energie und Thätigkeit.
Die ministerielle Allgewalt, wie sie sich seit 1624 unter Richelieus und
Mazarins kräftigem
und klugem Regiment ausgebildet hatte, vereinigte er nun in seiner Person
mit
der königlichen Macht
und Autorität, und indem er sich mit Eifer wie auch mit einiger Kenntnis
und
natürlichem Verstand
den Geschäften widmete, begründete er die absolute Monarchie
in Frank-
reich, deren glänzendster
Repräsentant er wurde durch seine imponierende Erscheinung und sein
würdevolles und doch
immer anmutvolles Benehmen. Zu dem Glanz seiner Herrschaft deren äußern
Pomp er mit Pracht und Geschmack
in Szene setzte, haben zwei Umstände wesentlich beigetragen,
welche indes durch Ludwigs
hervorragende Persönlichkeit in den Hintergrund gedrängt wurden:
der
großartige Aufschwung,
den das französische Volk seit Heinrich IV. in Handel, Gewerbe, Kunst
u
nd Wissenschaft genommen,
und der unter L. seinen Höhepunkt erreichte, und die ausgezeichneten,
aber bescheidenen Minister,
welchen L. die Geschäfte übertrug. In der Auswahl und Verwendung
derselben bewährte
L. hauptsächlich seinen Herrscherberuf. Gleich bei Beginn seiner Regierung
be-
rief er Le Tellier, Colbert
und Lyonne in seinen Rat, während er den allzu selbständigen
Foucquet
beseitigte. Namentlich Colbert
trug durch seine durchgreifenden Reformen in den Finanzen und der
Rechtspflege, durch schöpferische
Maßregeln für Hebung von Industrie und Handel zur Erhöhung
der Macht und des Ruhms
seines Königs bei und lieferte ihm die Mittel zur Aufstellung eines
Heers,
in dem der kriegslustige
Ehrgeiz des französischen Adels Befriedigung fand, und das Frankreich
zum
mächtigsten Staat Europas
machte. Die günstige auswärtige Lage, die Mazarin geschaffen,
kam L.
sehr zu statten. Der Rheinbund
verlieh ihm eine herrschende Stellung im Deutschen Reich, England
und die Niederlande buhlten
um seine Allianz; seine im Pyrenäischen Frieden verabredete Vermäh-
lung (1660) mit der spanischen
Infantin Maria Theresia, deren Verzicht auf ihr Erbrecht L. von vorn-
herein für wirkungslos
erklärte, gab ihm einen Anspruch auf die spanische Monarchie, die
teilweise
oder ganz zu erwerben fortan
das stete Ziel seiner auswärtigen Politik war. Bereits 1667, nach
dem
Tod seines Schwiegervaters
Philipp IV., erhob er auf Grund des Devolutionsrechts Erbansprüche
auf die spanischen Niederlande,
eroberte dieselben, ohne viel Widerstand zu finden, während des
englisch-niederländischen
Kriegs im Sommer 1667 sowie im Februar 1668 die Franche-Comté,
mußte sich aber infolge
der drohenden Haltung der Tripelallianz im Frieden von Aachen (2. Mai
1668) mit zwölf Festungen
an der belgischen Grenze begnügen. Um die Republik der Niederlande
für ihre Opposition
zu züchtigen, machte er durch Bestechung England und Schweden von
der Tri-
pelallianz abwendig, gewann
die deutschen Grenznachbarn der Niederlande, Köln und Münster,
für
sich, und nachdem er mit
Hilfe seines ausgezeichneten Kriegsministers Louvois das Heer auf
120,000 Mann gebracht und
vortrefflich ausgerüstet hatte, fiel er im Frühjahr 1672 über
die ganz
unvorbereiteten Niederlande
her, eroberte sie in wenigen Wochen fast ganz und kehrte triumphie-
rend nach Paris zurück;
als die Niederländer sich unter Wilhelm III. von Oranien erhoben und
bei
Brandenburg wie auch beim
deutschen Kaiser und beim Reich, endlich auch bei Spanien Hilfe fan-
den. Diese Koalition und
der Abfall Englands zwangen L., auf die Eroberung der Republik zu ver-
zichten und sich auf eine
Erweiterung der Ost- und Nordgrenze durch völlige Unterwerfung des
El-
saß und Eroberungen
spanischen Gebiets, namentlich der Franche-Comté, zu beschränken.
Dies
erreichte er auch trotz
der großen Koalition, die sich gegen ihn gebildet, im Frieden von
Nimwegen
1678. Jetzt stand L. auf
der Höhe seiner Macht: sein Heer war das zahlreichste, bestorganisierte
und bestgeführte der
Welt; seine Diplomatie beherrschte durch ihre Geschicklichkeit alle Höfe;
die
französische Nation
überragte in Kunst und Wissenschaf-ten alle übrigen und entwickelte
in Indust-
rie und Handel eine überraschend
erfolgreiche Thätigkeit; die Koryphäen der Litteratur priesen
L.
als das Ideal eines Mannes
und eines Fürsten. Der Hof von Versailles, wohin L. seine Residenz
verlegte, deren Bau 150
Mill. Frank kostete, war der Gegenstand des Neides und der Bewunder-
ung für alle großen
und kleinen Monarchen, die den großen König in allen Äußerlichkeiten,
auch
seinen Schwächen, nachzuahmen
bestrebt waren. Damals faßte er den Plan, seine weltgebietende
Stellung durch Erwerbung
der Kaiserkrone dauernd zu begründen. Niemand, weder im Ausland
noch im Innern, wagte ihm
entgegenzutreten. Die Nation sah in ihm die Verkörperung des Staats
und opferte ihm freiwillig
alle politischen Rechte; "l'état c'est moi!" hat L. zwar nicht gesagt,
aber
er hätte es mit Recht
sagen können. Er hatte einen fast mystischen Glauben an seine Staatsmajes-
tät, und in seiner
Eitelkeit ließ er seinen Ruhm und seinen Glanz überall verherrlichen,
man pries ihn
als "le roi-soleil". Aber
L. legte auch der Ausübung seiner Allgewalt keine Schranken auf und
ver-
letzte immer schamloser
die heiligsten Rechte andrer. Die frevelhafte Komödie der Reunionskam-
mern diente ihm zur Abrundung
und Erweiterung der vielfach zerrissenen Grenzen; bei der Über-
rumpelung von Straßburg
30. Sept. 1681 glaubte er selbst diese Form nicht mehr nötig zu haben.
Während er die Türkengefahr
des Deutschen Reichs benutzte, um im Waffenstillstand von 1684
die Abtretung der Reunionen
zu erzwingen, trat er bei andrer Gelegenheit als Haupt der katholis-
chen Christenheit auf: eine
Flotte wurde gegen die maurischen Seeräuber in Tripolis und Algier
geschickt und Genua in Brand
geschossen, weil es den Seeräubern Munition geliefert. Auch in
religiösen Dingen sollte
nur Ein Wille und Ein Gesetz herrschen: der Jansenismus wurde unter-
drückt, aber auch der
Einfluß des Papsttums beschränkt durch die Annahme der vier
Artikel der
gallikanischen Kirche auf
dem Nationalkonzil von 1682. Die Rechte der Protestanten wurden
erst möglichst beschränkt,
ihr Gottesdienst erschwert, der massenhafte Übertritt durch gewalt-
same Maßregeln erzwungen,
endlich im Oktober 1685 das Edikt von Nantes ganz aufgehoben;
die Auswanderung derer,
die ihren Glauben auch nicht äußerlich abschwören wollten,
wurde mit
den härtesten Strafen
bedroht. Dennoch verließen 200,000 Réfugiés Frankreich,
dessen Industrie
unwiederbringlichen Schaden
litt. Indem L. in diesem gewaltsamen Treiben immer weiter ging,
brachte er endlich fast
ganz Europa gegen sich auf. Indem er Jakobs II. von England Plan, dort
die katholische Kirche wiederherzustellen,
unterstützte, beförderte er die englische Revolution von
1688, die seinen entschiedensten
Gegner, Wilhelm von Oranien, auch dort an die Spitze des Staats
brachte. Mit Papst Innocenz
XI. geriet er über das Asylrecht der französischen Gesandtschaft
zu
Rom in Streit und besetzte
1688 sogar Avignon. Das Deutsche Reich endlich zwang er zum Krieg
durch seine Einmischung
in die kölnische Bischofswahl und den gegen den Willen der Erbin,
seiner
Schwägerin Elisabeth
Charlotte von Orléans, erhobenen Erbanspruch auf einen Teil der
Pfalz. Ge-
gen die große Koalition
von 1689 behauptete zwar die französische Landarmee, nachdem sie die
schmachvolle Verwüstung
der Pfalz ausgeführt, in den Niederlanden, am Rhein und in Piemont
ihre
alte Überlegenheit;
aber die Versuche, die vertriebenen Stuarts nach England zurückzuführen,
miß-
langen alle, und in der
Schlacht bei La Hougue 29. Mai 1692 ward die französische Seemacht
ver-
nichtet. Die Hilfsquellen
Frankreichs, die unerschöpflich schienen, begannen zu versiegen; die
großen Staatsmänner
und Feldherren, die nach und nach starben, wurden nicht durch ebenbürtige
Nachfolger ersetzt. Trotzdem
war die Überlegenheit des einheitlich geleiteten Frankreich der Koali-
tion gegenüber so groß,
daß L. 1697 im Frieden zu Ryswyk Elsaß und Straßburg
behielt. Gleich-
wohl bezeichnet dieser Friede
einen Stillstand, ja Rückschritt. Der Plan einer französischen
Uni-
versalmonarchie unter L.
war nun unausführbar. Die hohen Steuern, Mißwachs und Teurung
hat-
ten den Wohlstand des Landes
sehr geschädigt und Unzufriedenheit erregt. L. versöhnte sich
mit
dem Papst und gab 1693 die
gallikanische Unabhängigkeit preis; auch gewährte er 1698 den
noch
vorhandenen Protestanten
wenigstens Gewissensfreiheit. In der spanischen Erbfolgefrage, welche
nun in den Vordergrund des
Interesses trat, da der Tod des kinderlosen letzten Habsburgers in S
panien, Karls II., jeden
Augenblick erfolgen konnte, verstand sich L. zu Verträgen mit den
See-
mächten, welche sein
Erbrecht ausschlossen. Als nun aber Karl II. 1. Nov. 1700 starb und sein
Testament unerwarteterweise
Ludwigs zweiten Enkel, Philipp von Anjou, zum Erben der gesam-
ten Monarchie ernannte,
konnte L. der Versuchung nicht widerstehen, das Ziel seiner ganzen Po-
litik, die Erwerbung Spaniens
für seine Familie, zu erreichen: er nahm für seinen Enkel die
Erb-
schaft an, um so mehr, da
die spanische Nation den Bourbon wünschte, und rief so den spani-
schen Erbfolgekrieg hervor,
in dem Frankreich auch seine militärische Überlegenheit nicht
mehr
behaupten konnte. Dem Prinzen
Eugen und Marlborough waren die Nachfolger Turennes, Con-
dés, Luxembourgs
und Catinats nicht gewachsen. Von 1704 bis 1709 folgte Niederlage auf Nie-
derlage, schon drangen die
Verbündeten in Frankreich ein, die Kräfte des Landes waren er-
schöpft, und die Sehnsucht
nach Frieden war allgemein. L. war auch bereit, ihn mit den größten
Opfern, nicht bloß
Verzicht auf Spanien, sondern sogar Herausgabe aller Eroberungen in Deut-
schland, zu erkaufen; aber
mit berechtigtem Stolz weigerte er sich trotz alles Unglücks, seinen
Enkel, der sich mit Erfolg
in Spanien behauptete, selbst mit französischen Truppen vertreiben
zu
helfen. Seine Zuversicht
auf sein Glück wurde gerechtfertigt. Der Sturz des Whig-Ministeriums
in England führte den
Abfall der Seemächte von Österreich und den Separatfrieden von
Utrecht
1713 herbei, welchem sich
Kaiser und Reich 1714 anschließen mußten. L. behauptete die
Gren-
zen seines Reichs und rettete
seinem Enkel den Hauptteil der spanischen Monarchie; aber die
Blüte seines Landes
war geknickt, die Finanzen zerrüttet, die Schuldenlast auf 2 Milliarden
ge-
wachsen. L. überlebte
die Glanzzeit seiner Monarchie und starb erst 1. Sept. 1715. Seine Ge-
mahlin Maria Theresia, Tochter
des Königs Philipp IV. von Spanien, hatte ihm sechs Kinder ge-
boren, von denen die fünf
jüngern früh starben; der älteste Sohn, der Dauphin Ludwig,
starb
1711. Da 8. März 1712
auch der älteste Sohn desselben, der Herzog von Bourgogne, und im
März 1714 dessen Bruder,
der Herzog von Berri, starben, so blieb außer Philipp V. von Spa-
nien nur der Sohn des Herzogs
von Bourgogne übrig, der dem Urgroßvater im Alter von fünf
Jahren als Ludwig XV. folgte.
Ludwigs einflußreichste Mätressen waren nacheinander Laval-
lière, die ihm vier,
Montespan, die ihm sechs Kinder gebar, Fontanges und die Witwe Scarron,
Françoise d'Aubigné,
die er zur Marquise von Maintenon erhob, und mit der er sich nach
Maria Theresias Tod (1683)
im Herbst 1685 heimlich vermählte; sie übte einen großen
Einfluß
auf ihn aus und bekehrte
ihn zur Frömmelei. |
|
| EUGEN PRINZ VON SAVOYEN
* |
Eugen (Prinz von Savoyen)
(griech. Eugenios, etwa s. v. w. Wohlgeborner, Edler) Franz Eugen.,
Prinz
von Savoyen, der berühmte
"Prinz Eugen", war als der jüngste der fünf Söhne des savoyischen
Prinzen E
ugen Moritz von Savoyen-Carignan,
Grafen von Soissons, und der Olympia Mancini, einer Nichte Maza-
rins, 18. Okt. 1663 zu Paris
geboren. Er war zuerst für den geistlichen Stand bestimmt und bereits
als
Knabe im Besitz zweier Abteien
(daher er am französischen Hofe "der kleine Abbé" hieß);
aber Neigung
zum Kriegsdienst und besonders
geringschätzige Behandlung von seiten Ludwigs XIV. und seines Kriegs-
ministers Louvois veranlaßten
ihn 1683, sich in österreichischen Dienst zu begeben. Bald fing "der
kleine
Kapuziner" an, sich durch
Waffenthaten hervorzuthun, namentlich bei der Entsetzung Wiens unter dem
Oberbefehl Karls von Lothringen,
dem er stets ein dankbares Andenken bewahrte. Er focht hierauf 1684
bei der vergeblichen Belagerung
Ofens, sodann bei Gran unter Markgraf Ludwig von Baden, der in ihm
den spätern Helden
ahnte, und nahm mit demselben auch 1686 an der Eroberung Ofens teil, wobei
er
eine schwere Verwundung
davontrug. Nachdem er den Winter in Venedig zugebracht hatte, machte er
wieder 1687 den neuen Feldzug
in Ungarn mit, welcher 12. Aug. mit dem Sieg bei Mohács gekrönt
wurde.
Prinz E. war einer der ersten
in den türkischen Verschanzungen und wurde dafür mit der Überbringung
der Siegesbotschaft nach
Wien beauftragt. 1688 zum Feldmarschall-leutnant erhoben, nahm er an der
Er-
oberung Belgrads teil und
focht 1689 gegen die Franzosen am Rhein. 1690 bewog E. den Herzog Viktor
Amadeus von Savoyen zur
Allianz mit dem Kaiser und befehligte das jenem zu Hilfe gesendete österreich-
ische Heer. Schon aber hatte
bei seiner Ankunft jener das Treffen von Staffarda (18. Aug. 1690) verloren,
und E. konnte nur den Rückzug
leiten. Überhaupt hatte er die Fehler der Verbündeten mehrmals
wieder
gutzumachen, drang aber
doch 1692 in Südfrankreich ein. Erst 1696, als Savoyen offen zu Frankreich
übertrat, zog er sich
in das Mailändische zurück. Schon 1693 ward er zum Feldmarschall
ernannt. Gegen
die Türken war inzwischen
unglücklich gefochten worden. E. aber, zum Oberbefehlshaber in Ungarn
er-
nannt, behauptete trotz
aller Schwierigkeiten Peterwardein, drang, als die Türken sich über
die Theiß zu-
rückzogen, ihnen nach
und erfocht den großen Sieg bei Zenta(11. Sept. 1697), wo in zwei
Abendstunden
die Türken 30,000 Mann
an Toten und 6000 Mann an Gefangenen einbüßten. Dieser Sieg
brach die tür-
kische Macht in Ungarn,
wiewohl E. aus Mangel an Geld und Belagerungszeug die Verfolgung des Fein-
des nicht fortsetzen konnte.
Auch im folgenden Jahr behielt E. das Oberkommando in Ungarn mit unbe-
schränkter Vollmacht
bis zum Frieden von Karlowitz (26. Jan. 1699), der recht eigentlich als
Eugens Werk
anzusehen ist. Er begab
sich sodann auf seine Güter in Ungarn, welche ihm der Kaiser geschenkt
hatte, bis
ihn der Ausbruch des spanischen
Erbfolgekriegs zu neuer Thätigkeit rief. E. zog 170.1 mit 29,000 Mann
durch Tirol über die
Alpen, umging auf Wegen, die erst gebahnt werden mußten, den an den
Etschklausen
auflauernden Catinat, besetzte
das Vicentinische, lieferte dem Marschall Tessé bei Carpi ein Treffen,
wel-
ches für Österreich
das Land zwischen Mincio und Etsch gewann, schlug (1. Sept.) bei Chiari
den mit
20,000 Mann neuer Truppen
aus Frankreich angekommenen Villeroi und nahm denselben durch Überrum-
pelung in Cremona (1. Febr.
1702) gefangen, konnte aber die Stadt nicht behaupten. Die Schlacht bei
Luz-
zara (15. Aug. 1702) gegen
den Marschall Vendôme führte zu keiner Entscheidung, und E.
konnte die Of-
fensive wegen schlechter
Unterstützung von seiten der Wiener Regierung nicht wieder aufnehmen.
E. ging
daher selbst nach Wien,
wurde zum Hofkriegsrat ernannt und bereitete, soweit es die erschöpften
Geldmit-
tel zuließen, einen
neuen Feldzug für den Frühling vor; doch war das Jahr 1703 kein
glückliches, da der
Kurfürst von Bayern
zu Frankreich überging und die Ungarn sich unter Franz Ráköczi
empörten. E. ging
selbst nach Ungarn, um den
Aufstand zu unterdrücken, und verfocht bei seiner Rückkehr mit
allem Nach
druck den Gedanken, daß
der eigentliche Sitz der Gefahr für Österreich weder in Italien
noch in Belgien
oder Ungarn, sondern lediglich
in Bayern sei, und daß die Entscheidung des Kriegs einzig und allein
in der
Überwältigung
des Kurfürsten Max Emanuel liege, daher man, da die Kräfte Österreichs
und des Reichs
für die Durchführung
dieses Plans nicht ausreichten, den englischen Feldherrn, Herzog von Marlborough,
aus Belgien an die Donau
ziehen und mit ihm vereint den entscheidenden Schlag führen solle.
Marlborough
ging auf den Plan ein, und
so vereinigten sich die Heere Eugens, Marlboroughs und Ludwigs von Baden,
Führers der Reichstruppen,
in Schwaben, und in Großheppach (in Württemberg) kam 12. Juni
1704 E. mit
diesen Männern zusammen,
um die letzten Verabredungen zu treffen. E. übernahm zunächst
die Aufgabe,
den im Elsaß stehenden
Marschall Tallard vom Übergang über den Rhein abzuhalten, zog,
als diesem der
Übergang doch gelang,
ihm nach bis Bayern und vereinigte sich mit Marlborough. Am 13. Aug. 1704
er-
fochten beide bei Höchstädt
(Blenheim) über Maximilian von Bayern und den französischen Marschall
Tal-
lard einen entscheidenden
Sieg, trieben die Franzosen samt dem Kurfürsten über den Rhein
und besetzten
ganz Bayern. Hierauf wandte
sich E. nach Italien, wo inzwischen die Lage der Österreicher und
des Her-
zogs von Savoyen eine verzweifelte
geworden war. Obgleich E. anfangs nicht viel ausrichten konnte und
sogar in Wien wegen seiner
geringen Erfolge verdächtigt wurde, behielt er doch sein Kommando
und er-
focht 7. Sept. 1706 den
glorreichen Sieg bei Turin. Hierfür zum Statthalter von Mailand ernannt,
säuberte
er das Land von den Franzosen
und schloß die Generalkapitulation vom 13. März 1707 ab, in
welcher
Ludwig XIV. die italienische
Halbinsel bis auf Neapel aufgab. Letzteres ließ E. bald nachher durch
Daun
besetzen, der Kirchenstaat
mußte ihm seine Truppen ernähren helfen. 1707 machte E. wieder
einen Ein-
fall in Frankreich, mußte
aber vor Toulon unverrichteter Dinge umkehren. 1708 war er in den Niederlan-
den, um mit Marlborough
und Heinsius den weitern Gang des Kriegs zu beraten. Am 11. Juli d. J.
gewan-
nen die beiden Helden die
Schlacht von Oudenaarde, nahmen 22. Okt. die Festung Lille und erfochten
11. Sept. 1709 einen zweiten
Sieg bei Malplaquet. E. begab sich hierauf nach Berlin, um die Abrufung
der Preußen aus Italien
zu verhindern. Dem Kaiser riet er, die französischen Friedensanerbietungen
anzu-
nehmen, da sich nun Gelegenheit
darbiete, Straßburg und Elsaß wiederzugewinnen. Aber sein Rat
ward
nicht gehört. 1710
war er in den Niederlanden thätig und wandte sich 1711 wieder an den
Mittel- und
Oberrhein, um die Reichskreise
und die in Frankfurt a. M. versammelten Wähler des Reichs vor dem
F
eind zu schützen. Er
widerriet dem Kaiser Karl VI. die Beschickung des Utrechter Kongresses
und eilte
selbst nach London, um die
Allianz zwischen Österreich und England womöglich noch aufrecht
zu erhal-
ten. Die Königin empfing
ihn aufs gnädigste und beschenkte ihn mit einem kostbaren Degen, auch
die
Minister überhäuften
ihn mit Aufmerksamkeiten aller Art; den Zweck seiner Reise aber erreichte
er nicht,
vielmehr wurden seine Operationen
durch die zweideutige Haltung der Engländer nach Abberufung Marl-
boroughs gelähmt. Am
11. April 1713 wurden zu Utrecht die Verträge, wodurch sich Frankreich
mit Eng-
land, Holland, Savoyen,
Portugal und Preußen aussöhnte, unterzeichnet. Obgleich der
Kaiser beschloß,
den Krieg allein fortzuführen,
mußte doch E. selbst bei der matten Haltung des Deutschen Reichs
zuletzt
zum Frieden raten, welcher
auch von E. und Villars zu Rastail 7. März 1714 für den Kaiser
und 7. Sept.
d. J. zu Baden in der Schweiz
für das Reich abgeschlossen wurde. Der Kaiser ernannte E. zum Statthalter
in den nun österreichischen
Niederlanden. Als bald darauf (1715) die Pforte den Karlowitzer Frieden
brach, führte E. (1716)
64,000 Mann gegen den türkischen Großwesir Ali, welcher mit
150,000 Mann
gegen Peterwardein ein heranrückte.
Die Schlacht (5. Aug. 1716) endete mit der vollständigen Niederlage
der Türken, die Beute
der Sieger war unermeßlich. Vom Papst erhielt der Sieger von Peterwardein
den ge-
weihten Hut und Degen. Im
Juni 1717 begann E. die Belagerung des von 30,000 Türken besetzt gehalte-
nen Belgrad und schlug (16.
Aug.) das weit überlegene türkische Entsatzheer, worauf Belgrad
sich ergab. S
emendria, Schabatz, Orsova
u. a. O. fielen bald darauf ebenfalls. Am 21. Juli 1718 wurde der Passarowit-
zer Friede auf 25jährigen
Waffenstillstand unterzeichnet, wodurch Belgrad, der größere
Teil von Serbien,
ein Teil Bosniens und die
Kleine Walachei bis an die Aluta an Österreich kamen. Indes fand der
Mann, der
das Reich gegen die Türken
gesichert, dem Kaiser weit über 60,000qkm Landes erobert und Ungarn
wie-
dergegeben hatte, in Wien
eine starke Gegnerschaft, namentlich an der spanisch-italienischen Hofpartei,
die
jedoch seinen tonangebenden
Einfluß in allen großen Fragen nicht zu lähmen vermochte.
Als Generalstatthal-
ter der Niederlande (bis
1724) nahm er an dem Emporkommen der Ostindischen Kompanie lebhaften Anteil
. Beim Ausbruch des polnischen
Erbfolgekriegs übernahm der 71 jährige Held 1734 die Führung
des Reichs-
heers, ward jedoch, ehe
es zum wirklichen Schlagen kam, 1734 abgerufen und durch den Herzog Alexander
von Württemberg ersetzt.
Nach Wien zurückgekehrt, starb er plötzlich 21. April 1736. E.
war kaum mit-
tlerer Größe
und mager; in dem länglichen, stark gebräunten Gesicht traten
besonders die lange Nase und die
schwarzen, lebhaften Augen
hervor. Er war nie verheiratet. Er diente drei Kaisern, doch unter wesentlich
ver-
änderten Beziehungen,
die angeblich durch sein Wort: "Leopold war mein Vater, Joseph mein Bruder,
Karl
mein Herr" bezeichnet sind.
Sein Wahlspruch war: Österreich über alles! Seine Feldherrntalente
und seine
Kriegsthaten haben ihm den
höchsten Ruhm erworben; nicht minder groß war er als Staatsmann
und Diplo-
mat. Durch die endgültige
Zurückdrängung der Türken und die Siege über Frankreich
hat er einen maßge-
benden Einfluß auf
den Gang der Weltgeschichte ausgeübt. Von seinen Soldaten wurde er
vergöttert. Auch
für Kunst und Wissenschaft
hatte er lebhaftes Interesse. Er sammelte in Wien die erste Prachtbibliothek,
unt-
erhielt mit Montesquieu
und Leibniz einen lebhaften Briefwechsel über philosophische und staatsrechtliche
Gegenstände, war ein
Gönner des französischen Dichters Jean Baptiste Rousseau und
bearbeitete in einzeln-
en Zuschriften an Marlborough,
Stanhope, Villars u. a. Gegenstände der Kriegskunst. Von seinem Kunstsinn
zeugen sein Schloß
Belvedere nebst der Gemäldegalerie sowie die Beziehungen zu Kardinal
Albani und Jean-
ne Mariette; desgleichen
für sein wissenschaftliches Interesse die Gönnerschaft für
den neapolitanischen His-
toriker Pietro Giannone.
Ein Denkmal (von Fernkorn) wurde ihm 1865 zu Wien errichtet. Die angeblich
von
E. verfaßten politischen
Schriften, herausgegeben von Sartori (Tübing. 1812, 7 Tle.), sind
eine Fälschung.
Die "Militärische Korrespondenz
des Prinzen E." wurde von Heller herausgegeben (Wien 1848, 2 Bde.). |
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