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Jedem seine Schanze
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Schüler als
Entdecker: Zusammen mit ihrem Lehrer Werner Störk stürmen sie
alte badische
Verteidigungsanlagen
und finden Gold im Rhein. Geologen und Archäologen sind beeindruckt |
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Von
Christine Böhringer © 2007
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Da steht er in der Morgensonne,
der Herr Störk. Die Schuhe im feuchten Laub, die Lederweste über
dem Hemd.
Er hat die Landschaft und
sein Gefolge fest im Blick. So hat vor über 300 Jahren, vielleicht,
auch der Markgraf
Ludwig Wilhelm von Baden
hier gestanden, als er seine Verteidigungsanlage plante. Längst ist
der Besieger der
Osmanen und Feind der Franzosen
in die Geschichte eingegangen. Doch das Erbe des »Türkenlouis«
ruht noch
heute im Wald: hohe Wälle
bis zum Horizont, ein Hindernis nach dem anderen, getarnt von der Natur.
»Vorsicht!
Gestern hat's geregnet«,
ruft Werner Störk, als seine Begleiter die Hügel erklimmen. |
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»Zwei Teams bilden,
zum Vermessen. Ein wenig zackig«, schallt er hinterher. »Ich
bin halt nicht so schnell, Herr
Störk«, mault
einer. »Wie Montag in der ersten Stunde«, ruft der zurück.
Lachen im Wald, aus fünf Kehlen, vier-
mal hoch, einmal tief. |
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Der Lehrer und seine Schüler
erobern an diesem Samstag wieder einmal ein Stück Kriegsgeschichte.
Insgesamt
sind die Anlagen des Türkenlouis
200 Kilometer lang, ein ganzes Netz von Schanzen, Wällen und Kommunika-
tionslinien, das sich über
den Schwarzwald erstreckt. Am Ende des 17. Jahrhunderts errichtet, um
den Franzo-
sen den Weg abzuschneiden,
geriet es schließlich fast in Vergessenheit. Vor fünf Jahren
noch waren im süd-
lichen Teil nur acht Anlagen
bekannt, inzwischen sind 120 hinzugekommen - entdeckt von Störk und
seinen Schü-
lern. »Nirgendwo anders
sind Schanzen so gut untersucht worden«, sagt der Archäologe
Bertram Jenisch von der
Denkmalpflege des Regierungspräsidiums
Freiburg. »Ich kenne nichts Vergleichbares«. Und damit meint
er nicht
nur die Schanzen, sondern
auch deren Entdecker: den Lehrer und die Haupt- und Werkrealschüler
der Schopf-
heimer Friedrich-Ebert-Schule. |
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Diese Schüler sagen
Sätze wie: »Es interessiert mich, was hier früher los war«
oder »Schanzen entdecken macht
Spaß«. Sie haben
rot gefärbte Strähnen im Haar, tragen Jeans und Basecaps. Mittwochs
bauen sie Dioramen,
samstags gehen sie in den
Wald oder zum Goldwaschen und sonntags besuchen sie Ausstellungen. Der
Deut-
sche Preis für Denkmalschutz
steht in ihrem Regal, sie arbeiten mit Universitäten zusammen, und
das Curt-En-
gelhorn-Zentrum für
Archäometrie hat für die Analyse der Himmelsscheibe von Nebra
von ihnen Goldproben ange-
fordert - aus den vergangenen
25 Jahren. So lange nämlich forschen, schürfen und entdecken
die Schopfheimer
Schüler schon. So lange
gibt es auch ihre Arbeitsgemeinschaft Minifossi. Und deren Leiter war von
Anfang an
Werner Störk. |
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Der Störk, sagen sie
in Schopfheim, ist Minifossi, und Minifossi ist Störk. Er fährt
seine Schüler im Auto herum,
sitzt abends über Büchern
nach, wenn sie Fragen haben, und finanziert die Arbeitsgemeinschaft zum
Großteil
aus eigener Tasche. »In
Absprache mit meiner Frau.« Manchmal fragen die Kollegen: »Warum
tust du dir die
zusätzliche Arbeit
an?« Vielleicht, weil du keine leichte Jugend hattest oder an einer
Profilneurose leidest? Weil
du bewusst immer schon Hauptschullehrer
werden wolltest? Werner Störk muss dann lachen. Nein, er tut es,
weil er das Gefühl
zurückbekomme, dass seine Arbeit anerkannt werde - und weil er an
die Jungen und Mäd-
chen glaubt. |
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Er sieht in ihnen nicht
diejenigen, die es nicht auf das Gymnasium geschafft haben, sondern künftige
Bäcker,
Firmenchefs und Kaufleute:
»Menschen, denen wir unseren Lebensalltag anvertrauen wollen. In
der Haupt-
schule fallen lebenswichtige
Entscheidungen. Danach sind sie 40 Jahre im Beruf. Hier kann man die Schüler
zu Leistungen animieren,
die man gängigerweise nicht von ihnen erwartet«. Das hat er
schon als junger Leh-
rer gemerkt. Irgendwann
in den Achtzigern hat er ein paar wilde Jungs an den Projekttagen zum Goldwasch-
en mitgenommen. »Wir
haben tatsächlich welches gefunden, und die Schüler tauten auf.«
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Mittlerweile haben sie den
Rhein mit seinen Zuflüssen bis nach Frankfurt systematisch untersucht
und besitzen
die größte Rheingoldsammlung
der Welt. Und sie gingen ins Naturkundemuseum. Da war Gestein, mit wunder-
barer Struktur. Woher? Aus
der Region! »Wir möchten auch so etwas finden«, sagten
die Schüler. Beim Gold-
waschen blitzte es plötzlich
grün in der Schüssel. Warum? Hier wurde einst das für die
Region typische grüne
Waldglas produziert. Schließlich
kam der Förster zu Werner Störk. Er müsse einen Plan mit
Bodendenkmälern
erstellen. Es gehe um Schanzen;
nein, nicht ums Skispringen, sondern um die Dinger, auf denen Soldaten
einst
auf ihre Feinde warteten.
Und der Förster zeigte auf einen seltsamen Hügel. |
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»Ich kenne Leute,
die stolpern über irgendwas, sagen hoppla und gehen einfach weiter«,
sagt der Archäologe
Jenisch. »Der Störk
ist einer, der beißt sich dann fest.« Gerade stolpert er schon
wieder, diesmal über Brom-
beerzweige. »Grüner
Stacheldraht«, sagt er, seine Augen leuchten. Der Brombeer rankt
offenkundig um eine
Schanze. Die Schüler
teilen sich auf, routiniert, ganz selbstständig. Drei vermessen mit
Laser und Maßband,
einer skizziert. Sie haben
auch schon digitale Geländepläne erstellt. Natalie und Rebecca,
beide 16 Jahre alt,
finden: »Der Herr
Störk ist witzig, geduldig, und er kann gut erzählen. Man lernt
viel, ohne es zu merken.«
David, 18, und Michael,
19, haben die Führung übernommen. Sie gehen schon längst
nicht mehr zur Schule,
sondern machen eine Ausbildung,
aber wer es in die Arbeitsgemeinschaft geschafft und die sechs Wochen
Probezeit überstanden
hat, bleibt ihr oft ein Leben lang verbunden. Störk hat mittlerweile
schon nicht nur klei-
nere Brüder und Schwestern
in der AG, sondern auch die Kinder ehemaliger Schüler. Insgesamt gibt
es rund
200 ehemalige Minifossis
in der Stadt. Und wann immer Störk um Hilfe bittet, wenn er einen
Ausbildungsplatz
für einen seiner Schüler
sucht, dann helfen sie. Das System funktioniert. |
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Einer der Ehemaligen hat
auch die Hölzer für die Dioramen gefräst, die im Keller
der Schule entstehen. Störk
führt herum: Hier,
die Schlacht am Kahlenberg. Dort die Schanzen auf den Hügeln rund
um Schopfheim, 60 an
der Zahl. Da die Facetten
der Verteidigungstechnik. Erdtrichter mit Pfählen drin, Wallschwärme,
Hagbuchen,
deren jungen Triebe miteinander
verflochten wurden - ein undurchdringbares Dickicht. Es waren einfache
De-
fensivsysteme, gestaltet
mit dem, was der Schwarzwald hergab, gebaut von den Bauern aus der Region,
den
eigenen Vorfahren. »Die
Schüler sollen wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen
wissen,
dass hier schon viel geschafft
wurde und dass sie es auch schaffen können.« Steine lagen damals
bereit und
abgesägte Bäume.
Sie sollten zu Lawinen werden, wenn der Feind kam. Aber er kam nie. Und
so haben sich
die Verteidigungsanlagen
bis heute gut erhalten. |
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Störk will, dass das
nicht nur die Schüler, sondern auch andere wissen. Die Minifossis
seien ein Fenster der
Hauptschule. »Es wird
von draußen nach drinnen geschaut und von drinnen nach draußen.«
Austausch ist
ihm wichtig - und im Sommer
wird sich das Fenster wieder ganz weit öffnen. Die Stadt will eine
Schanze neu
errichten lassen, drei Meter
hoch, sechzig Meter Durchmesser, mit Wachturm, Gräben, als Ausflugsziel.
Es
wird eine Ausstellung zum
Türkenlouis und zu seinen Verteidigungstechniken mit den Dioramen
geben, und
ein Museum wird entstehen,
ein Wald-Glas-Zentrum. Und unter vielen Ausstellungsstücken, sagt
Werner
Störk stolz, werde
stehen: »Leihgabe der AG Minifossi«. Aber nicht sein Name.
Denn schließlich gehe es
nicht um ihn, sondern um
die Schüler. Darauf legt er Wert, wie immer, der Herr Störk. |
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| Der Mensch ... |
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Werner
Störk, 56, ist seit 1974 Lehrer an der Friedrich-Ebert-Schule in Schopfheim,
einer Hauptschule mit
Werkrealschule
im Schwarzwald. Vor 25 Jahren gründete der gebürtige Freiburger dort die
archäologisch
und naturwissenschaftlich orientierte Arbeitsgemeinschaft
Minifossi. Die Schüler werden von der Begabten-
förderung
des Landes unterstützt und haben für ihre Arbeit den Deutschen Preis für
Denkmalschutz erhalten.
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| ... und seine Idee |
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Ein
Lehrer sollte seinen Schülern alles zutrauen, findet Störk. Deren Erfolg
gibt ihm recht: Seine Minifossis
haben
über 30 Erstnachweise für Gold geführt, Waldglashütten erforscht, 120
Wallanlagen und Schanzen
gefunden,
darunter die Sternschanze. Ein Mix aus Feldarbeit und Erlebnispädagogik ist
sein Unterrichts-
rezept.
Das aber wirkt nur, wenn Lehrer bereit sind, mit Schülern zu forschen und auf
Entdeckungsreisen
zu
gehen. |
| Quelle: DIE ZEIT - WISSEN -
vom 04. April 2007 |